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Diäten und Gewichtszunahme bei Jugendlichen


food-monitor | 4. August 2009, 12:05 Uhr | Rubrik: Fachinformationen |
Leser: 793 | Heute: 2 | Zuletzt am 2 . September 2010

Bei der jüngsten „Food in Action”-Konferenz, die zusammen mit EUFIC organisiert wurde, erläuterte der Psychologe Dr. Andrew Hill (Universität von Leeds, Großbritannien) anhand einiger Fakten, die landläufigen Annahmen entgegenstehen, weswegen Jugendliche fettleibig werden. Seine Ergebnisse setzen dieses Thema in ein anderes Licht und bieten neue Ansatzpunkte zur Lösung des Problems.


Überraschendes Ergebnis

Es gibt bereits Studien, im Rahmen derer große Gruppen von Kindern über ihr Jugendalter hinweg beobachtet wurden, um Verhaltensmuster zu identifizieren, die zu Fettleibigkeit führen. Bei verschiedenen Studien, unter anderem der „1970 British Birth Cohort“- und der USA-basierten „EAT“-Studie, wurde ein Risikofaktor für Fettleibigkeit entdeckt, der nicht nur überrascht, sondern dem Gegenteil des Erwarteten entspricht – das Diäthalten. (1,2)


Entwicklung von Fettleibigkeit ist bei Diäthaltern wahrscheinlicher

Viner und Cole fanden heraus, dass Jugendliche mit 30 Jahren eher übergewichtig waren, wenn sie im Alter von 16 Jahren eine Diät zum Zwecke der Reduktion ihres Körpergewichts hielten. (1) Neumark-Sztainer und Kollegen ermittelten, dass Jugendliche, die zu Beginn der Studie angaben, dass sie Diät hielten, eine dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit aufwiesen, nach fünf Jahren fettleibig zu sein, wie ihre nicht-diäthaltenden Altersgenossen. (2) Diese Ergebnisse treffen gleichermaßen auf Jungen wie Mädchen zu.


Die Art der Diät spielt keine Rolle

In der Neumark-Sztainer-Studie wurde ebenfalls untersucht, ob die Art der von den Jugendlichen gehaltenen Diät einen Unterschied ausmachte. Dr. Hill betont, dass „gesunde“ Ansätze wie eine fettarme, ausgeglichene Diät, die reich an Obst und Gemüse ist (d. h. die Art von Diät, die Gesundheitsexperten empfehlen würden), ebenso erfolglos waren wie „ungesunde“ Essgewohnheiten zwecks Gewichtsverlust wie Fasten, Weglassen von Mahlzeiten, extreme und sonderbare Diäten oder das selbst hervorgerufene Erbrechen.


Führen Diäten zur Gewichtszunahme?

Es gibt verschiedene Gründe, warum Diäten zu Fettleibigkeit führen können. Dazu gehören z. B. die Deregulierung von Appetit, bei der das Hungergefühl vom eigentlichen Essvorgang entkoppelt wird, sowie die diätbedingte Zurückhaltung, d. h. eine Nahrungsaufnahme, die nicht genügt, um den Appetit zu befriedigen oder das Sättigungsgefühl herbeizuführen, was zu Essattacken führen kann. Diese beiden Faktoren machen Diäthalter anfällig für übermäßiges Essen und somit für eine Gewichtszunahme, unabhängig davon, weswegen ein Kind eine Diät beginnt. Dr. Hill betont:

„Diäten in der Jugend stehen stellvertretend für Schwierigkeiten bei der Regulierung der Essensaufnahme. Diese Teenager haben erkannt, dass sie ein Gewichtsproblem haben, auf das sie mit einer Diät reagieren, die auf breiter Linie versagt. Demzufolge sind Diäten nicht die Ursache, sondern eine Antwort auf das Übergewicht.“


Familiärer Einfluss

Und warum kämpfen diese Kinder mit ihrem Gewicht? Dr. Hill zufolge offenbare die Literatur durchweg, dass der stärkste Risikofaktor für Gewichtsprobleme bei Kindern und jungen Erwachsenen übergewichtige oder fettleibige Eltern seien. Beispielsweise zeigt der Health Survey for England (Gesundheitsbericht für England), wie das Fettleibigkeitsrisiko bei Kindern im Alter zwischen 2 und 15 Jahren von fast null auf 15 % hochschnelle, wenn ein Elternteil übergewichtig oder fettleibig ist, und auf bis zu 28 %, wenn beide Eltern hiervon betroffen sind. (3) Wahrscheinlich ist die Kombination aus genetischen und umweltbedingten Faktoren für dieses erhöhte Risiko verantwortlich.


Andere Risikofaktoren

Im Rahmen einer neueren Studie von Stice und Kollegen wurden psychologische Profile sowie Verhaltenspraktiken bei einer Gruppe von 500 heranwachsenden Mädchen aufgezeichnet, die dann über einen Zeitraum von vier Jahren beobachtet wurden. (4) Es zeigte sich, dass diätbedingte Zurückhaltung, radikale Praktiken der Gewichtskontrolle wie Erbrechen und Appetitzügler, depressive Symptome und die Wahrnehmung der Fettleibigkeit der Eltern (jedoch nicht der Verzehr fettreicher Nahrung oder die Häufigkeit körperlicher Anstrengung) die Vorboten für Fettleibigkeit waren. Neben der elterlichen Fettleibigkeit und der Art der Diät unterstreicht diese Studie zudem eine Verbindung zwischen Depression und Fettleibigkeit. Dr. Hill fügt hinzu:

„Jetzt gibt es umfangreiche Beweise für die Verbindung zwischen Depression und der Entwicklung von Fettleibigkeit. In einigen Studien wurde versucht, die zugrundeliegenden Ursachen zu ermitteln. Unzufriedenheit über den eigenen Körper, gefühlte soziale Isolation, die Scham, übergewichtig zu sein sowie Gehänselt- und Schikaniertwerden scheinen wichtige Vermittler zu sein.“


Der Ausweg

Die Hinweise zeigen unmissverständlich, dass die Entwicklung von Fettleibigkeit bei jungen Menschen nicht nur eine Sache der körperlichen Aktivität und der Energieaufnahme ist. Es ist unzweifelhaft ein komplexes Problem, in dem viele (wenig verstandene) psychologische Anfälligkeiten eine Rolle spielen. Was ist dann der Ausweg? Dr. Hill rät:

„Die Schaffung eines öffentlichen Umfelds, welches junge Menschen zur Gewichtskontrolle ermutigt, ist nicht genug. Wir brauchen maßgeschneiderte Eingriffe, und wenn wir schon eine Zielgruppe bestimmen, dann sollten es Familien sein, in denen beide Eltern übergewichtig oder gar fettleibig sind. Wir brauchen Leute vor Ort, die eine individuelle Unterstützung bieten können, um diesen Familien zu helfen, die Barrieren zu ihrem langfristigen Erfolg bei der Gewichtskontrolle zu überwinden.“

Literatur

1. Viner RM and Cole TJ (2006). Who changes body mass between adolescence and adulthood? Factors predicting change in BMI between 16 years and 30 years in the 1970 British Birth Cohort. International Journal of Obesity 30:1368-1374.
2. Neumark-Sztainer DR, Wall MM, Haines JI et al (2007). Shared risk and protective factors for overweight and disordered eating in adolescents. American Journal of Preventive Medicine 33:359-369.
3. Health Survey for England 2006: CVD and risk factors adults, obesity and risk factors children (2008)
4. Stice E, Presnell K, Shaw H and Rohde P (2005). Psychological and behavioural risk factors for obesity onset in adolescent girls: a prospective study. Journal of Consultant Clinical Psychology 73:195-202.

Für weitere Informationen (in Englisch):
Konferenzprotokolle verfügbar unter: http://www.focusbiz.co.uk/conferences/foodinaction/

FOOD TODAY 05/2008


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