Tilling: Die “gute” Alternative zur Gentechnik?

In letzter Zeit macht eine neue Züchtungsmethode von sich reden: Tilling. Mit dieser Methode ist es dem Unternehmen Bioplant in Ebsdorf gelungen, eine Amylose-freie Kartoffel herzustellen. Die gleiche Eigenschaft hat auch die vom Unternehmen BASF entwickelte gentechnisch veränderte Amflora-Kartoffel. Macht Tilling gentechnische Verfahren in der Pflanzenzüchtung überflüssig?

Nur bedingt, sagen Experten wie Dirk Prüfer vom Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie . “Mit Tilling können wir nur Eigenschaften verändern, die auf Genen beruhen, die bereits in der Pflanze sind”. Insektenresistente Pflanzen wie Bt -Mais und Bt-Baumwolle können dagegen mit Tilling nicht entwickelt werden.

Tilling (englisch für „Targeting Induced Local Lesions In Genomes“) basiert im Grunde auf einer schon lange verwendeten Methode: Der Mutagenese . Die Pflanzen werden mit chemischen Substanzen oder Röntgenstrahlen behandelt, die im Erbgut ungerichtet Punktmutationen erzeugen. Das Neue beim Tilling ist lediglich die Verknüpfung mit einem DNA -Analyse-Verfahren, mit denen aus tausenden von mutagenisierten Pflanzen diejenigen herausgesucht werden, die Mutationen in einem gewünschten Gen aufweisen. Solche Mutationen können z.B. dazu führen, dass das entsprechende Gen ausgeschaltet wird.

Im Fall der Amylose -freien Kartoffel hat eine Mutation ein Gen inaktiviert, das für den Aufbau von Amylose in den Kartoffelzellen verantwortlich ist. Bei der gentechnisch veränderten Amflora-Kartoffel wurde das gleiche Gen mit einem molekularbiologischem Verfahren “abgeschaltet” (Antisense-Technik ).

Für Pflanzenzüchter ist Tilling ein wichtiges Werkzeug geworden, um weitere Züchtungsfortschritte realisieren zu können. Das Bundesforschungsministerium fördert seit 2004 mit “Gabi-Till” die Weiterentwicklung dieser Methode bei den Kulturpflanzen Gerste, Raps, Kartoffel und Zuckerrübe. In den USA haben Unternehmen wie Arcadia Biosciences sich auf Tilling spezialisiert. In der Entwicklung befinden sich weltweit salzresistente Tomaten, dürreresistente Sojabohnen, länger haltbare Erdbeeren, glutenfreies Getreide, pilzresistente Gerste oder auch “gelbe Tomaten”.

Tilling – ein langwieriges Züchtungsverfahren

Im Vergleich zur Gentechnik zeigen sich aber auch die Grenzen der Tilling-Methode. Durch die Behandlung der Pflanzen mit mutationsauslösenden Chemikalien entsteht eine große Zahl von Punktmutationen, die über das gesamte Erbgut verteilt sind. Bei Weizen beispielsweise können bis zu 20.000 solcher Mutationen auftreten. Die Folge ist, dass viele Gene betroffen sind und in ihrer Funktion beeinträchtigt werden. Die behandelten Pflanzen verlieren auch erwünschte Eigenschaften, etwa Ertrags- und Leistungsfähigkeit.

Die Züchter müssen diejenigen Pflanzen, welche die erwünschte Punktmutation in einem bestimmten Gen aufweisen, erst mit Hochleistungssorten rückkreuzen, um wieder ertragreiche Pflanzen zu erhalten. Diese Prozedur benötigt in der Regel mehrere Jahre, im Falle der “Tilling-Kartoffel” waren es sechs Jahre.

Eine weitere Beschränkung der Tilling-Methode: Es können nur Eigenschaften verändert werden, die auf den pflanzeneigenen Genen beruhen. Eine Insektenresistenz wie bei gentechnisch veränderten Bt-Pflanzen kann nicht erzeugt werden. Bei einigen Pflanzenarten fehlen geeignete Gene für Resistenzen gegen Pilzkrankheiten oder für Dürretoleranz, zwei zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels wichtige Züchtungsziele. Auch die Einführung neuer Stoffwechselwege zur Produktion neuer Inhaltsstoffe, beispielsweise zur Bildung von Provitamin A wie beim “Goldenen Reis”, ist mit Tilling nicht zu erreichen.

Gentechnik – die einzige Züchtungsmethode mit “unsicheren Folgen”?

Gentechnikkritiker wie der Greenpeace-Berater Christoph Then stellen die Tilling-Methode als eine “akzeptable” Züchtungsmethode dar, die innerhalb der “normalen Bandbreite” der Eigenschaften von Pflanzen bleibe. Technologisch liege daher ein “Riesenunterschied” zwischen Gentechnik und Tilling.

Doch die Schlussfolgerung, dass Tilling im Vergleich zur Gentechnik zu Pflanzen mit einem geringeren “Risikopotenzial” führe, stellt nach Meinung vieler Pflanzenexperten eine zu starke Vereinfachung der Situation dar. Das National Research Council (USA) hat in einer Publikation im Jahre 2004 darauf hingewiesen, dass prinzipiell alle Pflanzenzüchtungsverfahren zu unerwarteten negativen Effekten führen können. Beispielsweise entstanden bei der Kreuzung von Kartoffelpflanzen in den 60er und 90er Jahren zwei Sorten (Lenape und Magnum Bonum), die wieder den für Wildkartoffeln typischen hohen und toxischen Gehalt an Alkaloiden aufwiesen. Beide Kartoffelsorten mussten daher vom Markt genommen werden.

In einem anderen Fall enthielt eine neue Selleriezüchtung in hohen Mengen die Substanz Furanocoumarin und verursachte bei Feldarbeitern schwere Hautauschläge. Es ist daher heute generelle Praxis, alle neuen Sorten auf solche negativen Effekte zu überprüfen, bevor sie auf den Markt gelangen.

In Kanada ist man sogar noch weiter gegangen. Hier müssen alle neuen Pflanzensorten, die neuartige Eigenschaften aufweisen (“Plant with Novel Traits – PNTs”), sei es durch Mutationszüchtung oder natürliche Mutationen, genauso wie gentechnisch veränderte Pflanzen einen aufwändigen Zulassungsprozess durchlaufen.

Quelle: biosicherheit.de

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