„Bauer Willi“: Lieber Verbraucher – mach’s doch selbst

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Nachdem Bauer Willi auf seinen Wutbrief „Lieber Verbraucher“ hunderte von Kommentaren mit vielen, aber wenig praktikablen Vorschlägen für eine andere Wirtschaftsweise in der Landwirtschaft erhalten hat und seine Einladung zum „Dialog am Valentinstag“ zwar viele „Gefällt-mir-Klicks“ erhielt, aber nicht angenommen wurde, zieht er jetzt die Konsequenz: In seinem neuesten Brief „Lieber Verbraucher – mach’s doch selbst“ verpachtet er Deutschlands landwirtschaftliche Nutzfläche an die Verbraucher, damit sie ihre Lebensmittel nach eigenen Vorstellungen produzieren können. Darauf weist der Rheinische Landwirtschafts-Verband (RLV) hin.

„Bauer Willi“ gibt nach RLV-Angaben nützliche Tipps, wie Ackerbau und Viehzucht individuell gestaltet werden können.  Er reicht in seinem neuesten offenen Brief aber auch die Hand und schlägt vor, sich bei fehlender Kenntnis oder Unsicherheit vertrauensvoll an die Landwirte zuwenden. Ein sicherlich wieder provozierender, aber auch nachdenklich machender Artikel. In jedem Falle lesenswert!

Lieber Verbraucher – mach’s doch selbst

Wir haben viele Ratschläge von Menschen bekommen, die offensichtlich der Meinung sind, sie wüssten, wie wir Landwirte es richtig machen sollten. Meist von Menschen, die mit praktischer Landwirtschaft nichts am Hut haben. Diese Ratschläge bekommen wir auch laufend von Redakteuren, Politikern und Vertretern spezieller Organisationen.  Wir werden ständig in Talk-Runden von sogenannten „Experten“  so dargestellt, als wären wir unfähig, mit unserem Boden, den Pflanzen und unseren Tieren anständig umzugehen. War unsere mehrjährige Ausbildung also überflüssig? Reicht es heute schon eine Ahnung von Dingen zu haben, die man nicht gelernt hat? Galileo und Quarks & Co zu sehen, um mitreden zu können? Da habe ich mir gesagt: Macht es doch selbst! Und habe folgende Anzeige aufgesetzt:

Rein rechnerisch bekommt jetzt jeder von euch 1454 qm Acker und 616 qm Grünland. (Übrigens: ein Fußballfeld  ist 7.140 qm groß) Auf den rund 2.000 qm könnt ihr dann so wirtschaften wie es euch gefällt. Aber alle Vorschriften, Verordnungen, Richtlinien, Erlasse und sonstige staatlichen Reglementierungen, die wir Landwirte einhalten, müsst ihr dann auch befolgen. Ihr zeichnet alles auf, was ihr wann wo und warum gemacht habt (nennt man Schlagkartei) und verwahrt das auf für die staatlichen Kontrollen. Macht ein wenig Arbeit, aber dafür gibt es ja Formulare. Wo es die gibt? Frag den Landwirt. Ihr haltet die Fruchtfolge ein und verwendet 5% eurer Flächen für‘s Greening. Dann macht ihr eine Düngeplanung für das kommende Jahr, was ihr wann, wo und wie viel düngen wollt und verwahrt die auch auf.  Aufschreiben, lochen, abheften. Falls ihr Hilfe braucht: Frag den Landwirt.

Was soll denn auf eurem Land wachsen? Das Grünland muss bleiben, das dürft ihr nicht umbrechen, das ist verboten. Von 600 qm bekommt ihr aber keine Kuh satt. Vielleicht noch ein Schaf, aber das auch nur im Sommer. Futter für den Winter wächst aber nur auf dem Acker. Wieviel Futter ihr da braucht? Frag den Landwirt. Und wie ihr Schafe schert, das wisst ihr ja. Und wie man die Klauen gesund hält auch. Vergesst bloß nicht die Ohrmarke und die Anmeldung in der HIT-Datenbank,  sonst droht Ärger.

Nun geben Schafe zwar Milch, aber meist nur für die Lämmer. Na ja, dann gibt es halt keine Milch, Käse, Joghurt oder Kefir. Ihr wollt Schweinefleisch? Geht, aber nur mit Futter. Also wieder Futter auf dem Acker anbauen, für´s Schwein. Bis es groß ist, vergeht aber Zeit. Und da braucht man schon einiges an Futter. Was ist, wenn das Schwein mal krank wird? Was man da tun kann? Frag den Tierarzt. Übrigens, wenn ihr das eine Schwein aufgegessen habt, ist Ende mit Schweinefleisch. Oder ihr habt ein männliches und ein weibliches Schwein, dann gibt’s nämlich Ferkel (das ist der Nachwuchs von Schweinen ) Zwei Schweine brauchen aber noch mehr Futter vom Acker. Und falls ihr die draußen frei rumlaufen lassen wollt: habt ihr das beim Amtsveterinär beantragt? Und auch hier: Ohrmarke, HIT-Datenbank und Bestandsregister nicht vergessen.

Wenn ihr Vegetarier seid, gibt es zwei Fragen:  1. Was macht ihr mit dem Gras vom Grünland? 2. Wo bekommt ihr jetzt den organischen Dünger her? Sonst ist das mit dem Ackerbau auch bald am Ende, so ganz ohne Dünger. Wie ihr das trotzdem hinbekommt? Frag den Landwirt.

Ihr wollt Eier? Kein Problem. Hühner oder Gänse kann man mit dem Schaf auf dem Grünland laufen lassen, muss nur auf den Fuchs aufpassen. („Fuchs du hast die Gans gestohlen“ ) Aber auch hier gilt eine „Tierschutznutztierhaltungsverordnung“ und die Hühner brauchen im Winter auch Futter und einen Stall. So, jetzt wäre das mit der Tierhaltung geklärt. Falls ihr noch Fragen habt: Frag den Landwirt

Kommen wir zu den Pflanzen. Was planen wir denn da? Gut, Getreide fürs Brot. Da nehmen wir am besten Weizen, weil Gerstenbrot? Gibt´s eigentlich nicht. Aus Gerste macht man z.B. Bier, oder Futter für die Tiere, siehe oben. Der Weizen kann auch krank werden, bekommt Mehltau, Rost oder giftige Fusarium-Pilze.  Oder kann Schädlinge kriegen wie Blattläuse oder Getreidehähnchen (kennt ihr nicht?). Was ihr da tun könnt? Frag den Landwirt. Und unbedingt an den Spritzen-TÜV denken!

Wenn ihr  Kuchen backen wollt, braucht ihr Zucker. Dafür gibt es Zuckerrüben. Den Zucker könnt ihr aber nicht selber machen, den macht die Zuckerfabrik. Wo die ist? Frag den Landwirt. Die Zuckerrüben tauscht ihr dort gegen Zucker ein. Das macht die Fabrik aber nicht umsonst, die will da Geld dafür.

Bei vielen Gerichten braucht man Öl. Das könnt ihr aus  Raps machen. Wie der bei euch am besten wächst? Frag den Landwirt. Kartoffeln wollt ihr auch? Prima, denn jetzt haben wir schon eine schöne Fruchtfolge aus Weizen, Gerste, Zuckerrüben, Raps und Kartoffeln. Aber Achtung: damit das keine Pleite gibt, müssen die in der richtigen Reihenfolge angebaut werden. Wie das geht? Frag den Landwirt.

Jetzt fehlen aber noch die Vitamine. Obst wäre nicht schlecht, die Bäume pflanzt ihr am besten auf die Wiese. Aber Achtung: da laufen ja schon das Schaf und die Hühner und Gänse! Wie man die Obstbäume im Winter richtig schneidet? Frag den Landwirt. Wie wär’s mit Gemüse? Das wächst leider nur im Sommer, und im Winter wäre es etwas dünn mit den Vitaminen. Da baut ihr einfach Weißkohl an und macht davon Sauerkraut. Wie das geht? Frag den Landwirt. Das Sauerkraut könnt ihr auch im Winter essen. Geht auch mit Rosenkohl. Ist dann im Winter etwas viel Kohl und das bläht auch etwas.  Aber ihr seid ja viel draußen. Es gäbe da auch noch andere schöne Kulturen wie zum Beispiel Chicoree. Aber das ist was sehr spezielles und da hätte ich einen sehr guten Rat: Frag den Landwirt!

So, diese Geschichte könnte man noch endlos weiterspinnen, will ich aber nicht. Was meint ihr? Schafft ihr das? Oder sollen wir Landwirte es nicht doch wieder für euch machen? Wir wissen wie es geht weil wir das alles in unserer Ausbildung gelernt haben. Und uns ständig weiterbilden. Und es mit Herzblut machen, weil wir jeden Tag mit und in der Natur leben und arbeiten. Ihr könnt natürlich auch die Redakteure, Politiker und Vertreter spezieller Organisationen fragen. Denkt mal drüber nach …

Übrigens: Es gibt es schon ein Angebot auf die Verpachtungs-Anzeige: von den Chinesen. (Achtung: Satire!)

Auf eure Fragen und Kommentare freut sich:
Euer Bauer Willi

Wo ihr auch Landwirte fragen könnt: www.facebook.com/fragdenlandwirt
Bauer Willi fordert den offenen Dialog!

Pressekontakt:
Stefan Sallen
Chefredakteur der LZ Rheinland
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: 02 28/5 20 06-5 34
stefan.sallen(at)rlv.de
www.rlv.de

Quelle: RLV

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