Diagnose Zöliakie stärker berücksichtigen

Deutsche Zöliakie-Gesellschaft e.V. möchte Bewusstsein für Zöliakie bei Allgemeinmedizinern schärfen

Die Diagnose Zöliakie (glutensensitive Enteropathie) kann anhand eines Bluttests mit anschließender Dünndarmbiopsie sicher gestellt werden. Bis diese Schritte bei Betroffenen eingeleitet werden, dauert es jedoch im Durchschnitt vier Jahre. Die Zahl der diagnostizierten Zöliakie-Fälle liegt zudem deutlich unter der geschätzten Prävalenz von 1:100. Grund dafür sind die vielfältigen und uneindeutigen Symptome der Erkrankung. Bis zu 90 % der Betroffenen weisen diffuse oder atypische Symptome auf.

Um den Leidensweg der Betroffenen bis zur Diagnose und Therapie zu verkürzen und damit mögliche Folgeerkrankungen wie Osteoporose, Anämie oder Malignome zu vermeiden, setzt sich die Deutsche Zöliakie-Gesellschaft e.V. (DZG) für eine stärkere Sensibilisierung von Allgemein- und Kinderärzten für die Erkrankung Zöliakie ein und informiert sie über Symptome und Diagnostik.

Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft e.V. (DZG)
Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der
Deutschen Zöliakie-Gesellschaft e.V. (DZG)

Zöliakie – eine Krankheit mit vielen Gesichtern

„Allgemeinmedizinern kommt eine Schlüsselrolle in der Zöliakie-Diagnostik zu, denn sie sind in der Regel erste Anlaufstelle für den Patienten. Die vielfältigen und uneindeutigen Symptome erschweren es den Ärzten jedoch, eine Zöliakie bei der Anamnese zu berücksichtigen. Nur selten weisen Patienten die klassischen Symptome wie chronische Diarrhö und Abdominalschmerzen auf“, erklärt Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der DZG.

Bei einer unbehandelten Zöliakie verursacht das in Getreide enthaltene Klebereiweiß Gluten eine Atrophie der Dünndarmzotten, wodurch der Dünndarm über seine verringerte Oberfläche weniger Nährstoffe aufnehmen kann und in der Folge Mangelerscheinungen auftreten. Diese können sich in unterschiedlichsten Symptomen wie Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Depressionen, Unfruchtbarkeit oder Osteoporose äußern (siehe Infokasten).

Bei Kindern treten dagegen häufig stagnierendes Wachstum und Körpergewicht, geringere Knochendichte, Eisenmangel oder Wesensveränderungen auf. „Symptome können sich zudem im Verlauf der Krankheitsgeschichte ändern. Sie müssen nicht vollständig oder gleichzeitig auftreten. Auch dies sollten Mediziner bedenken“, so Dr. Baas. Kinder- und Allgemeinärzte sollten deshalb auch bei unklaren Krankheitszeichen die serologische Diagnostik in die Wege leiten.

Entstehung und Ausbruch einer Zöliakie

Zöliakie wird durch den Verzehr von Gluten bei genetisch prädispositionierten Personen ausgelöst. Die Erkrankung kann in jedem Lebensalter auftreten, die Wahrscheinlichkeit dafür steigt sogar mit zunehmendem Alter. Dabei zeigen nur 10 bis 20 % der Betroffenen das Vollbild der Zöliakie mit den klassischen Symptomen. Bei 80 bis 90 % treten untypische oder gar keine Symptome auf. Je jünger die Betroffenen, desto klassischer ist das Krankheitsbild. Aufgrund der genetischen Prädisposition besteht zudem bei Verwandten ersten und zweiten Grades ein erhöhtes Zöliakierisiko. „Tritt Zöliakie in der Familie auf, sollten Mediziner allen Familienmitgliedern den Zöliakie-Test empfehlen“, rät die DZG-Expertin.

Begleit- und Folgeerkrankungen

Zöliakie kann mit zahlreichen Begleit- oder Folgeerkrankungen in Verbindung gebracht werden. So haben Typ-1-Diabetiker ein höheres Zöliakie-Risiko, sodass die DZG bei diesen Patienten unbedingt eine Untersuchung auf Zöliakie empfiehlt. Dr. Baas erklärt: „Die Zöliakie-Diagnose ist wichtig für Diabetiker, um die Blutzuckerwerte im Normbereich zu halten. Nur so können Folgeerkrankungen des Diabetes an Augen, Nieren, Nerven und Gefäßen verhindert werden.“ Auch Patienten mit Down-Syndrom und Ullrich-Turner-Syndrom sowie weiteren Autoimmunerkrankungen wie Schilddrüsen- und Lebererkrankungen weisen ein höheres Zöliakie-Risiko auf und sollten die entsprechende Diagnostik durchlaufen. Die seltene, chronische Hauterkrankung Dermatitis herpetiformis Duhring ist darüber hinaus stets mit einer Zöliakie assoziiert.

Zu Folgeerkrankungen, die durch eine frühzeitige Diagnose vermieden, aber Medizinern auch als Symptom den Hinweis auf eine unbehandelte Zöliakie geben können, gehören Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Lactoseintoleranz und Fructosemalabsorption, Osteoporose, Zahnschmelzdefekte, verminderte Fertilität bei Männern und Frauen, sowie weitere Komplikationen im gynäkologischen Bereich und die Entstehung von Malignomen. Dr. Baas: „Diese Erkrankungen können nur durch die gesicherte Zöliakie-Diagnose vermieden und gemindert werden. Die frühzeitige Diagnose ist daher umso wichtiger.“

Zöliakie-Diagnostik und -Therapie

Durch einen Antikörper-Bluttest, der vom Allgemeinmediziner durchgeführt werden kann, mit anschließender Dünndarmbiopsie durch den Gastroenterologen kann die Diagnose Zöliakie inzwischen sicher gestellt werden. „Der Patient muss sich jedoch unbedingt bis zur Diagnose glutenhaltig ernähren. Eine vorsorglich glutenfreie Ernährung verfälscht das Ergebnis“, erklärt Dr. Baas. Die Diagnostik orientiert sich an der Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie, Hepatologie und Ernährung (ESPGHAN, 2012) und an der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen e.V. (DGVS, 2014), die Allgemeinmedizinern ausführliche und konkrete Vorgaben für Diagnostik und Therapie der Zöliakie bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen geben. „Die Biopsie sichert ein positives Ergebnis des Antikörpertests ab. Das Absinken der Antikörperkonzentration und Abklingen der Beschwerden bei Einhaltung einer glutenfreien Diät bestätigt die Diagnose final“, erläutert Dr. Baas.

Die lebenslange glutenfreie Ernährung ist derzeit die einzig mögliche Zöliakie-Therapie. Diese Ernährungsumstellung sollte im Anschluss an die Diagnose umgehend erfolgen. Da die Identifikation glutenhaltiger Lebensmittel und die Einhaltung der Diät für Betroffene in der Regel zu Beginn nicht leicht ist und eine gewisse Umstellung des sozialen Lebens bedeutet, sollten Mediziner Patienten den Kontakt zur Deutschen Zöliakie-Gesellschaft e.V. (DZG) empfehlen. Die DZG unterstützt und betreut Betroffene umfassend.

Zöliakie: Symptome und Begleiterkrankungen auf einen Blick

Klassische Symptome:

  • Diarrhö
  • Abdominalschmerzen
  • Malabsorption
  • Gedeihstörung/Gewichtsverlust
  • vorgewölbter Bauch
  • Durchfälle
  • Verstopfung
  • Appetitlosigkeit
  • Erbrechen
  • Blässe
  • Muskelschwäche
  • Misslaunigkeit, Müdigkeit, Wesensveränderung
  • Nährstoffmangel, Eisenmangel
  • Anämie
  • geringere Knochendichte

Weitere Symptome:

  • Osteoporose
  • Zahnschmelzdefekte
  • erhöhte Leberwerte
  • Schlaflosigkeit
  • verzögerter Eintritt der Pubertät/Menarche
  • verminderte Fertilität/Gonadenfunktion (Frau und Mann)
  • Komplikationen während der Schwangerschaft, Untergewicht bei Fötus/Säugling
  • Fehlgeburt/Abort
  • vorzeitiger Eintritt der Menopause
  • neurologisch-psychiatrische Krankheitsbilder wie Depressionen, Ataxie, Konzen-trationsstörungen, Migräne, Kopfschmerzen, periphere Neuropathie
  • Stomatitis aphtosa
  • IgA-Nephropathie

Begleiterkrankungen:

  • Dermatitis herpetiformis Duhring
  • Lactoseintoleranz
  • Fructosemalabsorption
  • Diabetes mellitus Typ 1
  • Schilddrüsenerkrankungen
  • mikroskopische Kolitis
  • Malignomentstehung
  • Nahrungsmittelallergien

 

Weitere Informationen bei:

DZG – Deutsche Zöliakie-Gesellschaft e.V.
Bianca Maurer, Öffentlichkeitsarbeit/Pressesprecherin
Telefon: 0711 – 45 99 81-12
E-Mail: bianca.maurer@dzg-online.de
www.dzg-online.de

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