Foodwatch macht krank / NGO ohne Verantwortung

Kommentar von Detlef Brendel

Ohne Geld keine Aktionen und Projekte. Ohne skandalträchtige Themen kein Geld. NGOs sind Unternehmen, die mit ihren Aktivitäten in einem harten Konkurrenzkampf um Spendengelder stehen. Die Wissenschaftler, die sich mit der Rolle der NGOs in der Gesellschaft beschäftigen, nennen das mit diesem Geschäftsmodell verbundene Risiko Diskursversagen. Für die attraktive Schlagzeile durch Skandalisierung muss die eigentliche Mission zurückstehen. Medienpublizität bringt Geld. Sachliche Diskussionen versprechen dagegen keinen wirtschaftlichen Erfolg.

Kritische Fragen nach dem Wahrheitsgehalt oder den hinter den Aussagen stehenden Interessen müssen gestellt werden. Trotz des Mäntelchens einer angeblichen Verbraucherschutz-Organisation dürfen Agitatoren nicht über jeden Zweifel erhaben sein.

Die angeblichen Essensretter, so der Untertitel von Foodwatch, sind Kämpfer gegen die Ernährungs-Wirtschaft, die den Bezug zur Realität nicht verloren haben, sondern aus egoistischen und wirtschaftlichen Gründen bewusst aufgeben. Medienpräsenz generiert Geld. Zur Optimierung von Spendengeldern bildet die Skandalisierung das Prinzip der Agitation. Das angebliche Engagement für den Verbraucher, dessen Vielfalt an Ernährungs-Optionen sie nun auch wirklich nicht retten müssen, bleibt bei den unternehmerischen Zielen von Foodwatch auf der Strecke.

Wissenschaftlich anerkannte Tatsachen, die nicht in das Konzept der Skandalisierung passen, werden ausgeblendet, um die Agitation nicht  zu gefährden. Es bleibt bei dem gewohnten und durchaus erfolgreichen Foodwatch-System. Die Nahrungsmittel-Produzenten sind kriminell, die Politik ist unfähig und der Verbraucher zu blöd, um sich zu ernähren.

Nachsitzen für Foodwatch-Anhänger

Eine Nachricht ist für Anhänger der Foodwatch-Ideologie beruhigend: Sitzen bleiben ist gesund. Die Spielkonsole oder das virtuelle Wandern durch die sozialen Netzwerke verschaffen dem Daumen ausreichend Bewegung. Seriöse Wissenschaftler sagen etwas anderes.

Weniger als die Hälfte der deutschen Bevölkerung, nämlich 43 Prozent der Frauen und 48 Prozent der Männer, erreicht noch die Minimal-Bewegungsempfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 150 Minuten pro Woche, also täglich etwa 20 Minuten. Das zeigen Erhebungen des Robert Koch-Instituts.

Wie hoch der Stellenwert von regelmäßiger körperlicher Aktivität für ein gesundes, langes Leben ist, hat aktuell die kanadische PURE-Studie gezeigt, die bislang größte Untersuchung zu diesem Thema. Das Ergebnis: 150 Minuten Bewegung pro Woche reichen aus, um das Sterberisiko im Laufe von knapp sieben Jahren um 20 Prozent im Vergleich zu einem geringen Bewegungspensum von weniger als 150 Minuten pro Woche zu senken.

Der chronische Bewegungsmangel, der auf jeden zweiten Bundesbürger zutrifft, muss somit als ein maßgebliches Gesundheitsrisiko eingestuft werden. Eng verbunden mit dem weit verbreiteten Defizit an körperlicher Aktivität ist die Übergewichtsproblematik. Diesen Zusammenhang hat eine weltweite Studie unter Leitung der US-Universität Stanford, in die fast 720.000 Menschen aus 111 Ländern eingebunden waren, eindrucksvoll bestätigt. Diese Kausalität ist wenig überraschend. Es hat eine schon zwingende Logik, dass eine ausgewogene Energiebilanz, also das Verhältnis zwischen der Energieaufnahme durch die Ernährung und dem Energieverbrauch durch die Bewegung, entscheidenden Einfluss auf das Körpergewicht hat.

Verantwortungslos aber gewinnbringend

Wie soll man diesen eigentlich selbstverständlichen Zusammenhang skandalisieren? Wie soll man die zunehmend mangelnde Bewegung in unserer sitzenden Gesellschaft als Attacke gegen die Ernährungswirtschaft verwenden? Da hilft nur das Ignorieren der Fakten. So kann auch weiterhin im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussionen über die Ursachen für Übergewicht fast ausschließlich das Thema Ernährung stehen. Der Feind von Normalgewicht bleiben die Lebensmittelhersteller, die mit Heimtücke, um ihre Produkte begehrenswert zu machen, Zucker beimischen. Damit trägt eine Organisation wie Foodwatch als meinungsführender Appetitverderber dazu bei, dass die wesentlichen Faktoren für  Übergewicht nicht auf der Basis von wissenschaftlichen Fakten, sondern unter ideologischen und Interessen gesteuerten Gesichtspunkten bewertet werden.

In ihrem aktuellen Statement „Sieben Mythen zum Thema Zucker und Übergewicht“ behauptet Foodwatch allen Ernstes: „Die oft genannte These, dass sich Kinder und Jugendliche heute weniger bewegen als noch vor wenigen Jahrzehnten, lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Auch für Erwachsene gibt es hier keine eindeutigen Ergebnisse“. Solche Aussagen sind verantwortungslos, weil sie dazu beitragen, den nachweislich lebensverkürzenden Bewegungsmangel zu verharmlosen. Aber wenn es um Umsatzoptimierung durch Skandalisierung geht, zählt nicht die Gesundheit der Menschen. Damit lässt sich kein Geld verdienen. Für die platte Agitation, für die der Begriff Ideologie eine ungerechtfertigte Aufwertung wäre, werden klare Feindbilder gebraucht. Deshalb muss die Wirtschaft als Feind des Menschen herhalten.

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