Steuern statt Motivation: Die Logik der Diabetes-Verbände

Ein Kommentar von Detlef Brendel

Der Staat soll mit Strafsteuern die Ernährung seiner Bürger reg­lementieren, fordern die zahlreichen Diabetes-Vereine, -Ver­bände und -Stiftungen in Deutschland. Damit dokumentieren sie zunächst einmal ihre eigene Nutzlosigkeit. Je mehr Diabe­tes-Organisationen sich bilden und je mehr Millionen verpulvert werden, umso dicker werden die Bundesbürger. Das wäre das Ergebnis von Beobachtungsstudien, die von den meisten der Verbandsfunktionäre für wissenschaftliche Wahrheit gehalten werden. Sie brauchen keine evidenzbasierten Kausalitäten. Ihnen reicht die Herstellung von Relationen.

Bei dieser unkomplizierten Denkweise erscheint ihnen auch das jetzt propagierte System „Ampel Plus“ schlüssig. Grüne, gelbe und rote Punkte auf den Nahrungsmitteln und parallel mehrwertsteuerfreies Obst und Gemüse, sieben Prozent für „normale“ Lebensmittel, 19 Prozent für Fertiggerichte, Chips oder Süßigkeiten werden es richten. Und wer eine Limo trinken will, soll mit 29 Prozent Mehrwertsteuer zur Kasse gebeten wer­den. In der Folge werden die Bundesbürger zu einem Volk schlanker Asketen. Paternalismus in Kombination mit schlich­tem Denken kann so herrlich einfach sein.

Störend ist die Realität. Die offiziösen Diabetes-Clubs haben es nicht geschafft, die Menschen in einer bewegungsarmen Ge­sellschaft zu motivieren und zu vitalisieren. Mit einer ausbalan­cierten Lebensweise wären viele Übergewichtige schlanker. Die Experten der Diabetes-Clubs, die sich wieder einmal auf die Zutatenlisten der Lebensmittelwirtschaft stürzen, blenden von der Wissenschaft zunehmend als relevant erkannte Fakto­ren von der Genetik bis zur Stressbelastung als Ursachen für Diabetes aus. Wie soll man mit so komplizierten Tatsachen ef­fekthaschende Kampagnen fahren?

Und sogar das Potenzial des reichhaltigen Nahrungsmittelan­gebots, das fett- und glutenfrei ebenso einschließt, wie jede andere Variante für die individuelle Ernährung, wird nicht begriffen. Vom einfachen Produkt bis zur profilierten Marke gibt es für jedes Nahrungsmittel ein breites Preisband. Wem die No­belschokolade nach Strafsteuern zu teuer wird, der steigt auf ein preiswerteres Produkt um. Genießen will er auch dann noch. Und wenn er sich ausreichend bewegt, ist das auch kei­neswegs zu kritisieren.

Zwei Anregungen, auch wenn sie nicht ganz ernst gemeint sind, könnten zielführend sein. Zunächst sollte die Zahl der Di­abetes-Organisationen drastisch reduziert werden, da parallel zu ihrer Zunahme auch das Gewicht der Bundesbürger zuge­nommen hat. Das wäre eine Reduktionsdiät, die erste Effekte zeigen könnte.

Und wenn sich schon angebliche Experten den Kopf über fiskalische Modelle zerbrechen, sollten sie konse­quente Ansätze verfolgen. So sollte der persönliche Steuersatz bei Lohn- oder Einkommensteuer vom individuellen Gewicht abhängig gemacht werden. Damit würden dann zumindest auch die persönliche Mobilität und die ausbalancierte Lebensweise, also die Relation zwischen Kalorienaufnahme und Kalorienver­brauch, in einer angeblich gesundheitsorientierten Betrachtung Berücksichtigung finden.

 

Detlef Brendel ist Autor des Buches „Die Zucker-Lüge“, in dem er sich u.a. kritisch mit den Irrungen der so genannten Ernährungsaufklärung und der Bevormundung der Verbraucher beschäftigt (Ludwig-Verlag ISBN 978-3-453-28075-5).

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