Deutsche Umwelthilfe und Our Fish fordern umfassende Kontrollen der EU-Fischereien

Zu viele Fische gehen über Bord.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und Our Fish kritisieren, dass die EU-Fischerei und die Umsetzung der Anlandeverpflichtung, die durch die Reform der europäischen Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) eingeführt wurde, noch immer nicht ausreichend dokumentiert und kontrolliert wird. Zu diesem Ergebnis kommt der jüngst vom Wissenschafts-, Technik- und Wirtschaftsausschuss für Fischerei der EU (STECF) herausgebrachte Bericht. Aufgrund unzureichender Dokumentation ist es unmöglich, den wahren Umfang der Rückwürfe einzuschätzen.

Einige Mitgliedstaaten der EU reduzierten sogar den Kontrollaufwand auf See. Mangelhafte Kontrollen machen es erst möglich, dass noch immer zu viel Fisch über Bord geworfen wird, der gemäß der Anlandeverpflichtung mit an Land gebracht werden müsste. Die EU Mitgliedstaaten werden aufgefordert, effektivere Kontrollsysteme, einschließlich neuer Techniken wie der elektronischen Fernüberwachung, einzuführen, um die Umsetzung der Anlandeverpflichtung zu garantieren sowie Verstöße aufzudecken und zu ahnden.

„Vieles, was beim Fischfang an Bord gezogen wird, bleibt undokumentiert“, kritisiert Sascha Müller-Kraenner, DUH-Bundesgeschäftsführer. „Es existieren keine effektiven Vorschriften der vollständigen Erfassung aller Fischfänge. Ohne umfangreiche Kontrollen wird weiterhin ungewollter Fisch, der mit an Land gebracht werden müsste, über Bord geworfen.“

Leider sehe sich kein europäischer Mitgliedstaat in der Pflicht, eine Vorreiterrolle zu übernehmen. „Angesichts der noch immer angespannten Lage der Fischbestände besteht dringender Handlungsbedarf. Deutschland muss hier vorangehen“, fordert Müller-Kraenner.

Durch die 2014 reformierte GFP der EU wurde festgelegt, dass alle Fische, für die Fangbegrenzungen oder Mindestreferenzgrößen existieren, mit an Land gebracht werden müssen.

„Bei einer korrekten Umsetzung der Anlandeverpflichtung kann diese der wichtigste Wegbereiter für den Übergang zu einer nachhaltigen und transparenten Fischerei in der Geschichte der GFP sein“, sagt Rebecca Hubbard, Direktorin der Our Fish-Kampagne. „Die Anlandeverpflichtung kann als Anreiz zur Verbesserung der Selektivität von Fanggeräten dienen, um den unerwünschten Beifang anderer Arten und kleiner Fische zu reduzieren.“

Die Mitgliedstaaten sind dazu aufgefordert, jährlich einen Bericht über den Fortschritt der Umsetzung der Anlandeverpflichtung abzugeben. Aber nur 15 von 23 Mitgliedsstaaten mit eigenen Fischereiflotten reichten 2017 einen Bericht ein. Eine Beurteilung des Status quo ist dadurch unmöglich; die vorhandenen Berichte weisen außerdem gravierende Lücken auf. Die mangelnde Umsetzung und Kontrolle der Anlandeverpflichtung durch die EU-Mitgliedstaaten ermöglicht illegale Rückwürfe auf See und belastet die Lieferketten der Handelsunternehmen mit Risiken.

Auch Nachhaltigkeitssiegel wie der Marine Stewardship Council (MSC) sind keine Garantie dafür, dass die geltenden Regelungen ausreichend kontrolliert werden. Neben der anhaltenden Kritik am MSC über die Zertifizierungen nicht nachhaltiger Fischereien ist die mangelnde Durchsetzung der Anlandeverpflichtung ein weiterer Aspekt, der die Nachhaltigkeit der EU-Fischereien – einschließlich der MSC-zertifizierten Fischerei – gefährdet. Eine 2016 veröffentlichte Studie untersuchte, inwieweit 25 MSC-zertifizierte Fischereien den Anforderungen der Anlandeverpflichtung entsprechen. Das Ergebnis dieser Studie ist, dass fast ein Viertel der untersuchten MSC-Fischereien einer solchen Bewertung nicht standhielten.

Hintergrund

Die Anlandeverpflichtung wurde mit der neuen GFP eingeführt. Alle Mitgliedsstaaten verpflichten sich laut Artikel 15 der GFP, alle Fische mit an Land zu bringen, für die Fangbegrenzungen (Fangquoten) und Mindestgrößen existieren. In Artikel 13 und 15 werden alle MS ausdrücklich dazu aufgefordert, detaillierte und genau Aufzeichnungen von allen Fängen zu führen (vollständig dokumentierte Fischereien), doch diese Berichte sind lückenhaft und teilweise nicht vorhanden.

Der MSC wurde vor mehr als zwanzig Jahren mit dem Ziel gegründet, die Überfischung zu beenden und den Verbrauchern zu ermöglichen, sich leichter für nachhaltig gefangenen Fisch zu entscheiden. Doch der MSC gerät immer mehr in die Kritik. Anfang 2018 veröffentlichten 66 Umweltorganisationen, Wissenschaftler und Prominente einen offenen Brief, in dem sie den MSC kritisieren, weil er sein Versprechen gegenüber Händlern und Verbrauchern gebrochen hat. Gemeinsam kritisierten sie, der MSC zertifiziere Fischereien, deren Nachhaltigkeit sowohl von Umweltschützern als auch von Wissenschaftlern während des Zertifizierungsprozesses in Frage gestellt wurde. Die DUH und Our Fish kritisieren, dass geltenden rechtliche Verpflichtungen der EU nicht ausreichend bei der Zertifizierung des MSC Berücksichtigung finden und formulierten dazu ein Briefing.

Über Our Fish

Die Kampagne Our Fish will sicherstellen, dass die EU-Mitgliedstaaten die GFP ordnungsgemäß durchführen und umsetzen und – auch über eine effektive Kontrolle der europäischen Fischereien – für nachhaltige Fischbestände in den europäischen Gewässern sorgen. Our Fish arbeitet mit Organisationen und Personen in ganz Europa zusammen, um eine starke und beharrliche Kernbotschaft zu verbreiten: Die Überfischung muss beendet und die nachhaltige Befischung der europäischen Meere gewährleistet werden.

Our Fish ruft alle EU-Mitgliedstaaten dazu auf, nachhaltige Fanggrenzen auf der Grundlage wissenschaftlicher Empfehlungen festzulegen und durch Überwachung und Dokumentation aller Fänge sicherzustellen, dass ihre Fangflotten den Nachweis einer nachhaltigen Fischerei erbringen.
Die Deutsche Umwelthilfe koordiniert diese Arbeit in Deutschland für die Kampagne.

Links:

Kontakt:

Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer
0160 90354509, mueller-kraenner@duh.de

Rebecca Hubbard, Programmdirektorin Our Fish
+34 657669425, rebecca@our.fish

Katja Hockun, Projektmanagerin Meeresnaturschutz
030 2400867-895, hockun@duh.de

DUH-Pressestelle:
Andrea Kuper, Ann-Kathrin Marggraf
030 2400867-20, presse@duh.de
www.duh.de, www.twitter.com/umwelthilfe, www.facebook.com/umwelthilfe

Quelle: Deutsche Umwelthilfe e. V. (DUH)

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