Trinkmythen bei Tropenhitze – worauf es wirklich ankommt, ist …

Sobald es in Deutschland so richtig schön sommerlich heiß wird, sprießen sie wie Pilze aus dem feuchten Waldboden, die gesunden Trinktipps:

„So trinken Sie richtig!“ Mindestens 2 Liter reines Wasser, keine kalten Getränke, nichts Erfrischendes mit Kohlensäure, natürlich auch keine eiskalte Coke & Co., denn: immer schön ohne Zucker, stattdessen warmen Tee auch bei 38° C. im Schatten …. Vergessen Sie diesen ganzen „Gesundtrinken“-Nonsens am besten. Denn – wie immer gilt auch hier das ökotrophologische Universalcredo: Nichts Genaues weiß man nicht. Ergo: Alle Tipps sind frei von Kausalevidenz, Beweise für deren „Wirksamkeit“ existieren nicht. Aber einer weiß Bescheid, und zwar nur der: Ihr eigener Körper. Und zum Trinken hat uns die Evolution mit einen ganz wunderbar feinfühligen „Biomelder“ ausgestattet: Den Durst. Sind Sie gesund, dann hören und vertrauen Sie auf Ihren Durst – und trinken, wenn sie ihn spüren. Ihren Wissensdurst zum Durst stillen die folgenden ernährungswissenschaftlich fokussierten 4 Fragen und 5 Mythen zum Trinken.

Ist es wirklich nötig, so viel Wasser zu trinken, wie oft kolportiert wird, also 2 Liter pro Tag oder gar noch mehr?

Nein, es gibt keine wissenschaftlich belegte Wassermenge, die man täglich zusätzlich trinken muss. Auch eine Studie zu den 2 Litern sucht man vergeblich. Denn, was gerne vergessen wird: Neben dem individuellen Lebensstil und damit Verbrauch nehmen wir das Gros des Wassers mit unserem Essen auf. Fast alles, was wir essen, ist feucht (Fleisch, Fisch, Käse, Wurst, Butter), in Wasser getränkt (Nudeln, Reis) bis nass (Gemüse, Suppen, Obst, Mayo, Salatsoßen etc). Auch beim Asialunch z.B. schwimmt das Gemüse oft in Soße, im Döner ist viel Gemüse und reichlich Knoblauchsoße. Hinzu kommt das Lieblingsgetränk der Deutschen: Kaffee! Allein, was damit an „feuchtem Nass“ die Kehle hinuntergleitet, reicht schon oft aus, um den zusätzlichen Wasserbedarf zu decken – denn Kaffee gilt heutzutage nicht mehr als Wasserräuber, sondern er wird „positiv zur Flüssigkeitsbilanz“ gezählt. Fast jeder Deutsche trinkt Kaffee – 80 Prozent täglich und 3 von 5 Bürgern mehrmals am Tag. Hinzu kommt Tee. Es muss auch gar nicht reines Wasser sein, was man sonst noch trinkt: Säfte, Milch, Molke, Trinkjoghurt, Limonaden etc. liefern auch Wasser.

Stimmt es, dass man schon trinken soll, bevor man Durst verspürt? Und dass man schon dehydriert ist, wenn man durstig wird?

Nein, für gesunde Menschen ist Durst der einzige und beste Indikator, der spürbar werden lässt, wann der Körper wirklich Flüssigkeit braucht. Denn genau dafür ist der Durst da. Trinken Sie mal ein Glas Wasser, wenn Sie richtig Durst haben, dann schmeckt es köstlich wie selten. Wenn ihr Körper hingegen „richtig voll getankt“ ist, können Sie es kaum schlucken ohne gewissen Widerwillen. Denn auch zu viel Wasser kann problematisch werden (siehe dazu den u.a. SPIEGEL-Link)

Eine Einschränkung sind Menschen, die kein richtiges Durstgefühl entwickeln, weil die körperlichen Funktionen nicht mehr reibungslos arbeiten, beispielsweise Senioren, besonders in geriatrischen Einrichtungen. Auch Nierenkranke oder starke Diabetiker sollten sich nicht nur auf ihren Durst verlassen. Hier sind Pfleger, Angehörige und Therapeuten gefragt.

Ist also generell gar keine allgemeingültige Menge zu empfehlen, die man am Tag mindestens trinken sollte?

Exakt, die Empfehlung einer konkreten Trinkmenge entbehrt einerseits einer wissenschaftlichen Basis und andererseits hängt sie sehr stark vom individuellen Lebensstil ab. Statt einer Trinkmenge auf Fantasiebasis sollte man besser auf sein natürliches Durstgefühl vertrauen. Wer sich jedoch selbst nicht vertraut und stattdessen mit einem „erfüllten Trink-Pflichtpensum“ am Tag erfüllter fühlt, der kann das natürlich gerne machen.

Wie sieht es aber mit den bereits zuvor erwähnten älteren Menschen aus, bei denen das Durstgefühl nachlässt?

Bei älteren Menschen muss man zwei Gruppen unterscheiden. Die gesunden fitten Älteren / Senioren, die keine schwerwiegenden Erkrankungen haben und tendenziell gesund sind, bei denen sollte die Maxime im Vordergrund stehen, ob sie sich generell gut fühlen , keine Schwierigkeiten haben , körperlich und geistig gesund sind . Wenn es keine Probleme gibt, muss man auch nicht auf Milliliter-Mengen jeden Tag achten, die es zusätzlich zwingend zu trinken gilt & gibt. Haben diese älteren Menschen jedoch häufiger Probleme wie bspw. Kopfschmerzen, Schwindel, Unwohlsein, dann könnte es daran liegen, dass sie tatsächlich an einer moderaten Dehydrierung leiden, weil sie zu wenig trinken. In dem Falle kann es sicher nicht schaden, wenn man jeden Tag einen halben bis 1 Liter Wasser im wahrsten Sinne „über den Durst trinkt“. Verschwinden die Beschwerden dann nicht, dann sollte man definitiv einen Arzt aufsuchen, denn dann haben die gesundheitlichen Probleme andere Gründe als „Wassermangel“ und sollten medizinisch abgeklärt werden.

Die zweite Gruppe der Älteren sind die wirklich Kranken bis Multimorbiden, besonders die stationär Gepflegten/Therapierten. Hier müssen Betreuer, Pfleger, Krankenschwestern, Ärzte und Therapeuten anhand des Gesamtstatus und der Krankenakte individuell entscheiden, wie viel Flüssigkeit diese Patienten jeden Tag zusätzlich zu sich nehmen müssen. Das geht dann schon in den Bereich der Präventionstherapie.

Wasser-Detox? Keine Spülung, keine Entgiftung, kein Abspecken!

Auch gut zu wissen, was Professor Wilfred Druml, Abteilung für Nephrologie, Medizinische Universität Wien, jüngst klarstellte: „Die am häufigsten angeführte Annahme, dass eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr und die damit verbundene erhöhte Harnmenge zu einer »Spülung« und verbesserten »Entgiftung« führt, ist falsch.“ Die Menge des Harns wird hormonell reguliert. Mehr Wasser im Körper bedeutet nur mehr Ausscheidung von Wasser, nicht etwa von mehr Toxinen. Eine weitere Grundannahme, dass eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr durch Erhöhung des Blutvolumens zu einer Steigerung der renalen Durchblutung (Verbesserung der Nierenfunktion) führe, sei ebenfalls nicht richtig. Ob, wie oft behauptet, eine höhere Trinkmenge zu einer Verminderung der Energieaufnahme bei Patienten mit Adipositas führe, sei nicht eindeutig geklärt“. Das Durstempfinden reguliert die notwendige Flüssigkeitszufuhr effektiv. Es gebe keine wissenschaftliche Begründung dafür, dass ein „Übertrinken“, also eine überhöhte Flüssigkeitszufuhr, bei Gesunden einen relevanten physiologischen Parameter verbessere, so Druml. (Quelle BZfE, Wieviel trinken ist gesund, 1.7.20).

 

Kurzum: Sind Sie gesund, dann trinken Sie, wenn Sie Durst haben! Es ist noch kein gesunder Mensch in Deutschland verdurstet, der auf seinen Durst gehört hat. Noch mehr Wissendurst? Die zeitlosen „Fünf Irrtümer zum Trinken bei Hitze“ auf SPIEGEL ONLINE stillen ihn sicher erfrischend.

In diesem Sinne: Immer ein eiskaltes Glas erfrischend Flüssiges in Trinkweite & Schöne heiße Hochsommertage !

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