Sollte die aktuelle Haltungskennzeichnung des LEH Grundlage für ein staatliches Tierwohl-Label sein?

Eine Analyse der Verbrauchererwartungen an die Haltungsformen.

In unserer Studie zur Haltungskennzeichnung im Januar 2022 gaben nur 17% der befragten Personen an, die Haltungskennzeichnung beim Fleischeinkauf noch nie gesehen zu haben.

Mit der neuen Regierung wird auch das Thema der Einführung eines verpflichtenden Tierwohl-Labels auf tierischen Produkten wieder aktuell. Bisher gibt es eine solche verpflichtende Kennzeichnung nicht, allerdings hat der Lebensmitteleinzelhandel 2019 die freiwillige Haltungskennzeichnung für Fleischprodukte eingeführt und eine Erweiterung auf Milchprodukte ist für die nahe Zukunft geplant. In einem aktuellen Positionspapier fordert der Lebensmitteleinzelhandel, dass sich eine gesetzlich verpflichtende Tierhaltungskennzeichnung an der aktuellen Haltungskennzeichnung orientieren sollte, da Verbraucher:innen sich bereits an diese gewöhnt hätten. Zudem sieht der Handel die eigene Kennzeichnung gefährdet, wenn ein neues, stark abweichendes staatliches Label eingeführt wird (bvlh, 2022).

Vor diesem Hintergrund stellen sich die Fragen, wie Verbraucher:innen die Haltungskennzeichnung verstehen und bewerten, welche Erwartungen an die Kennzeichnung bestehen und inwieweit diese möglicherweise von der Realität abweichen. Um diese Fragen zu beantworten, haben wir im Januar 2022 eine Verbraucherbefragung mit 1.223 deutschen Fleischkonsument:innen durchgeführt. Die Ergebnisse geben Einblicke in die aktuelle Wahrnehmung der Haltungskennzeichnung und zeigen Optimierungspotentiale einer zukünftigen (staatlichen) Kennzeichnung auf. Zudem wird basierend auf einer Studie, welche im April 2020 mit 528 Verbraucher:innen durchgeführt wurde, eine kurze Einschätzung zum Potential eines staatlichen Tierwohllabels gegeben.

Was ist die Haltungskennzeichnung des LEH?

Seit dem Jahr 2019 werden Fleisch und Wurst vermehrt mit der vierstufigen Haltungskennzeichnung des Lebensmitteleinzelhandels versehen. Dies bietet Verbraucher:innen Informationen über die Form der Tierhaltung auf den landwirtschaftlichen Betrieben und ermöglicht dadurch eine informiertere Kaufentscheidung. Die Kennzeichnung ist bisher vor allem auf SB-Ware beschränkt, an Bedientheken findet man sie dagegen kaum (Verbraucherzentrale, 2022).

Die Einstufung eines Produktes in eine der vier Haltungsformen basiert auf bisherigen Zertifizierungen bzw. Labeln des Produktes, die jeweils den vier Haltungsformen zugeordnet werden. So werden bspw. Produkte aus konventioneller Tierhaltung mit der Haltungsform 1 (Stallhaltung) und Produkte der Initiative Tierwohl mit der Haltungsform 2 (StallhaltungPlus) gekennzeichnet. In die Haltungsform 3 (Außenklima) fällt u.a. die Ein-Sterne-Stufe des Deutschen Tierschutzbundes, während unter anderem Bioprodukte in die Haltungsform 4 (Premium) fallen (Haltungsform.de, 2022). Bisher überwiegen die Haltungsformen 1 und 2 im Handel (Greenpeace, 2021). Aldi will dies bis zum Jahr 2030 ändern und nur noch Frischfleisch der Haltungsformen 3 und 4 im Sortiment anbieten. Eine Erweiterung der Kennzeichnung auch auf Milchprodukte ist für die nahe Zukunft geplant.

Wie bekannt ist die Haltungskennzeichnung?

In unserer Studie zur Haltungskennzeichnung im Januar 2022 gaben nur 17% der befragten Personen an, die Haltungskennzeichnung beim Fleischeinkauf noch nie gesehen zu haben (siehe Abbildung 1). Sie ist somit deutlich bekannter als bereits länger am Markt existierende Label wie das des Deutschen Tierschutzbundes, welches 34% der Befragten noch nie wahrgenommen haben. Auch bei der Initiative Tierwohl geben mit 24% mehr Personen an, dieses nicht zu kennen. Das EU-Bio-Siegel haben mit 19% ähnlich viele Personen wie die Herkunftskennzeichnung noch nie gesehen.

Auch bei der Kaufhäufigkeit liegt die Haltungskennzeichnung mit 82% derjenigen, die mindestens selten Produkte mit dieser Kennzeichnung kaufen, weit vorne. Ein Teil der hohen Bekanntheit und Kaufhäufigkeit kann damit erklärt werden, dass die Haltungskennzeichnung auch auf konventionellen Produkten zu finden und damit weiter verbreitet ist als andere Label. Die teilnehmenden Händler kennzeichnen mittlerweile etwa 90% des Fleisch- und Wurstsortiments, welches verpackt verkauft wird (bvlh, 2022).

Vollständiger Beitrag und Grafiken

Quelle: Georg-August-Universität

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