Erst Bolzenschuss, dann Fleischgenuss? Brauchen wir die „Lizenz zum Töten“, um Fleisch zu essen?

Die Diskussionen um fleischfreie Ernährung sind allgegenwärtig und sehr emotional. Es geht schließlich um Leben und Tod.

Doch an der Fleischtheke ist dieser elementare Aspekt des Tötens nicht mehr präsent: Der Weg des Tieres von der Geburt  bis zum geschnittenen Steak in der Vitrine wird ausgeblendet. Sollte daher jeder ein Tier umbringen, um nur noch mit dieser „Lizenz zum Töten“ Fleisch zu kaufen?

Mit KI erstellt ∙ 4. Juni 2024 um 148 PM
Mit KI erstellt ∙ 4. Juni 2024 um 148 PM

Die Frage „Soll ich noch Wurst und Fleisch essen?“ ist extrem vielschichtig. Einerseits geht es dabei oft um Gesundheit und Wissenschaft. So wird behauptet, Vegetarismus sei gesünder, da Fleisch- und Wurstverzehr krank und alt macht. Auch wenn dies immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt wird – beispielsweise von unserem Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach – so muss man objektiv klar sagen: Wissenschaftliche Beweise („Kausalevidenz“), dass Fleisch ungesund ist, gibt es nicht. Und das liegt ganz einfach daran, dass der „bemitleidenswerte“ Forschungszweig der Ernährungswissenschaften per se keine Ursache-Wirkungs-Belege liefern kann, sondern nur Vermutungen und Hypothesen auf Glaskugelniveau. Wir sind zwar umringt von etlichen Regeln und Ratschlägen zu gesunder Ernährung und täglich wird ein Tsunami neuer Studien veröffentlicht. Doch die Ergebnisse widersprechen sich oft und was überhaupt gesunde Ernährung ist, weiß bis heute niemand. Wen es näher interessiert: Warum Ernährungsstudien keine Beweise liefern, das lesen Sie hier relativ einfach erklärt.

Damit fällt das Argument „Vegetarisch is(s)t gesünder“ als Entscheidungsgrundlage schon

mal weg. Die Klimaschutzthemen können wir auch nicht für voll nehmen, da hier zu viel entscheidende Detail-Fragen ungeklärt sind. Denn alles hinsichtlich der Utopie einer „fleischfreien Welternährung zur Klimarettung“ basiert auf extrem störanfälligen Rechenmodellen – die zusätzlich als öffentliche Diskussion mit viel Ideologie und wenig Fakten geführt wird. Somit bliebt als drittes Entscheidungsfundament noch die persönliche

Ethik: „Will ich, dass für mich und mein Essen Tiere sterben?“ Wer diese Frage mit einem klaren „Nein“ beantwortet, wird wohl aus ethischen Gründen zum Vegetarier.

Ja, ich will ich – dass für mein Essen Tiere sterben!

Wer die elementare Frage zu „Leben und Tod“ hingegen mit einem „Ja“ beantwortet, der kauft auch künftig weiter Fleisch und Wurst – denn er hat sich dafür entschieden, ganz einfach. Doch soll es künftig weiterhin so einfach bleiben? Oder sollte die Gesellschaft als Ganzes hier mehr persönliche Verantwortung des Individuums einfordern? Denn es geht um

nicht weniger als um das allerhöchste Gut auf Erden: es geht um das Leben, das Leben vieler tausend Tiere. Bislang „leben“ Fleischindustrie und Lebensmittelhandel davon, dass wir Verbraucher vollumfänglich vom Tötungsprozess ferngehalten werden. Wir sehen, hören und fühlen es nicht, wenn Hühner, Schweine und Kälbchen umgebracht werden. Wir wissen es zwar, wenn wir mal darüber nachdenken – aber auf den Packungen und in der Werbung geht es primär um Genuss, es geht um den Fleischgenuss als Lebensqualität: Ein saftiges dunkelrotes Steak wird vom freundlichen Metzgermeister mit einem Lächeln dem erwartungsfrohen Verbraucher über den Tresen gereicht, der sich schon „wie ein Schnitzel freut“ aufs leckere Braten und Grillen. Die imaginäre Welt unterscheidet sich hier deutlich von der Realität. Denn vor dem Genuss steht der Tod. Und so stellt sich die elementare Frage: Wer hat das´Recht, Fleisch zu essen? Wir alle? Oder nur die, auch töten können – und wollen?

Nur noch mit „Lizenz zum Töten“ Fleisch kaufen!?

Diese ernährungsphilosophische Frage ließe sich ausführlich auf zahlreichen Ebenen besprechen. Doch hier und heute soll nur ein zentraler Aspekt sowohl zum kritischen Nachdenken, persönlichen Reflektieren als auch zum konstruktiven Diskutieren der „carnevorischen Gretchenfrage“ anregen: Sollte der Fleischverzehr nur noch denen erlaubt sein, die auch in der Lage und willens sind, ein Tier zu töten – ihm also das Leben zu nehmen um sich selbst ein Stück Fleisch zu geben? Brauchen wir eine „Lizenz zum Töten“, um künftig Fleisch zu kaufen? Lässt sich die „ethische Absolution“ zum Steakessen dadurch erlangen, indem man einmal im Jahr ein Tier tötet?

Allein die „Ausgestaltung des Weges zur Lizenz zum Töten“ ist sicher eine umfangreiche Abhandlung wert, um zahlreiche komplexe Fragen zu beantworten:

  • Wo muss man hingehen, welches Tier soll man mit welcher Methode töten, wer überwacht diesen Prozess und von wem bekommt man dann den kulinarisch-ersehnten „Fleisch-Einkauf-Erlaubnis-Ausweis“?
  • Muss man dem Angus-Bullen oder dem Milchkälbchen persönlich in die Augen schauen, bevor man ihnen den Bolzen ins Hirn schießt? Oder wird es auch anonym möglich sein, beispielsweise unpersönlich von hinten die Kehle durchzuschneiden?
  • Spielt die Haltungsform eine Rolle für Ort und Art des Tötens, also wer weiterhin das billigste Fleisch aus „Stallhaltung (Stufe 1: rot)“ kaufen will, muss auch direkt in der Massentierhaltung den „Killshot“ setzen? Wer hingegen Bio-Fleisch essen möchte, der soll auf dem Bauernhof ein Tier umbringen, damit er künftig „Premium (Stufe 4: grün)“ erwerben kann?

Alles hochkompliziert und schwer zu entscheiden – aber das würde den hiesigen Rahmen springen. Es geht ad hoc „nur“ um die Gretchenfrage: Ist der Mensch evolutionär überhaupt zum Töten gemacht, oder hat er eine natürliche Hemmung, andere Lebewesen umzubringen? Was machen Sie beispielsweise zu Hause, wenn Sie eine Biene oder Hummel in ihrer Wohnung sehen? Schlagen sie sie tot (nervt mich, kann stechen, muss weg) oder fangen Sie sie lebend in einem Glas, lassen sie draußen frei wieder losliegen und freuen sich darüber, sie gerettet zu haben?

Wie auch immer, die „Frage des Tages“ lautet, wie sehen Sie das Kerncredo dieses Artikels: Nur wer Tiere tötet, darf auch Tiere essen! Brauchen wir künftig die „Lizenz zum Töten“ und den „Fleisch-Einkauf-Erlaubnis-Ausweis“?

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Dieser Beitrag erschien im Original zuerst auf FOCUS online-Experte

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Uwe Knop (*72) ist evidenzfokussierter Ernährungswissenschaftler (Dipl.oec.troph./JLU Gießen), Publizist, Referent und Buchautor (u.a. Erfolgreich abnehmen und schlank bleiben, Springer 2022). Seit mehr als 14 Jahren bildet die objektiv-faktenbasierte Analyse tausender aktueller Ernährungsstudien den Kern seiner unabhängigen Aufklärungsarbeit. Knop hat den mündigen Essbürger mit eigener Meinung zum Ziel, der umfassend informiert selbst und bewusst entscheidet, worauf er bei der wichtigsten Hauptsache der Welt – genussvolles Essen zur Lebenserhaltung – vertraut.