Die Kunden im Supermarkt haben bisher die farbigen Nutri-Streifen eigentlich nie wirklich interessiert. Inzwischen ziehen sich auch die Unternehmen, die ihn zunächst für eine Profilierung ihrer Produkte gehalten haben, aus dem Nutri Score zurück.
Hersteller, Handel und Verbraucher sehen weder Sinnhaftigkeit noch Akzeptanz. Also machen sich die Ideologen eines regulierten Einkaufs auf zu neuen Ufern. Ein neues System soll noch mehr können. Und weil es so modern ist, wird auch gleich mit UPF, also der Transparenz für den Verarbeitungsgrad, geworben. Endlich wird etwas, wie es heißt, mit Big Data gemacht. Olivér Várhelyi, der EU-Kommissar für (Gesundheit und Tierschutz, soll es für interessant halten. Was steht zur Diskussion?
TrueFood soll nach eigener Darstellung eine benutzerfreundliche Oberfläche sein, die den Verarbeitungsgrad von Lebensmitteln aufzeigt und auf der umfassenden Datenbank GroceryDB (https://www.grocerydb.net/) basiert. GroceryDB ist Teil des Forschungsprojekts „Prevalence of Processed Food in Grocery Stores“, Nature Food, 2024, das die notwendigen Daten und Methoden zur Quantifizierung der Lebensmittelverarbeitung und zur Analyse der Zutatenstrukturen im Lebensmittelangebot bereitstellt. Der Grad der Lebensmittelverarbeitung ist also das zentrale Thema. (https://www.researchgate.net/publication/360234378_GroceryDB_Prevalence_of_Processed_Food_in_Grocery_Stores)
Obwohl UPF in der Wissenschaft sehr umstritten ist und noch nicht einmal Kriterien für das pseudoakademische NOVA-System zur Definition von Verarbeitungsgraden existieren, behauptet TrueFood, alles perfekt gelöst zu haben. Durch die Integration umfangreicher Daten zur Lebensmittelzusammensetzung mit maschinellem Lernen bietet TrueFood nach eigener Darstellung wertvolle Einblicke in den aktuellen Stand der Lebensmittelverarbeitung. Die Plattform verdeutlicht die Verteilung der Verarbeitungsgrade und die Unterschiede im Produktangebot. Man will die Verarbeitungsgrade transparent machen, obwohl es dafür noch keine definierten Kriterien gibt. Das ist sehr ambitioniert. Man kann es aber auch als Irreführung charakterisieren, was die detaillierte Überprüfung des Systems bestätigt.
Die Entwickler von TrueFood sind selbstbewusst. Einer der Initiatoren ist Albert-László Barabási Er ist nach eigener Einschätzung Netzwerkforscher und fasziniert von einer Vielzahl von Themen – von der Erforschung der Gehirnstruktur über die Behandlung von Krankheiten mithilfe der Netzwerkmedizin bis hin zum Entstehen von Erfolg in der Kunst und der Frage, wie Wissenschaft wirklich funktioniert. Er scheint ein Genie zu sein. Wer Erfolg in der Kunst auf eine Formel bringt und weiß, wie Wissenschaft wirklich funktioniert, dürfte auch bei der Analyse von Bandnudeln keine Kompetenzprobleme haben.
Die Analyse von TrueFood liefert ein erschreckendes Bild von Inkompetenz und Leichtfertigkeit. Der Erkenntnisgewinn des nach Transparenz suchenden Programms ist für den Verbraucher gleich Null. Es ist eine große Täuschung.
Der neue UPF-Score von 0 für minimal oder unverarbeitet bis zu 100 für hochgradig ultraverarbeitet ist der pure Betrug. Das Resultat sind substanzlose Daten. Das als Big Data zu UPF propagierte System ist nichts anderes als primitives Big Sugar. Der Charakter einer schlichten Zuckerdatenbank lässt sich quer durch alle Produktkategorien belegen. Einige Beispiele:
Ein Beispiel ist die Nudel, bei deren Herstellung aus Weizen praktisch keine Unterschiede in der Produktion bestehen. Der Grad der Verarbeitung dürfte hier kaum zu einer Klassifizierung führen können. Die dennoch variierenden Daten zeigen, dass unterschiedliche Bewertungen lediglich aus Differenzen in den minimalen Zuckergehalten in Milligramm hinter dem Komma resultieren. Statt UPF werden Mikrogramm Zucker zum Kriterium.
Eine Rinderbrühe von Campbell´s ist mit einer Verarbeitungspunktzahl von 47 weniger zu empfehlen als ein alternatives Produkt. Die Suppe von Campbell´s hat 16,7 Kal. und 0,8 g Zucker. Das Alternativprodukt hat 8,3 Kal. und 0 g Zucker. Dafür bekommt es die Verarbeitungspunktzahl 18 als Empfehlung. 0,8 g Zucker machen den Unterschied. Der Erkenntnisgewinn beim Verarbeitungsgrad liegt bei null.
Ritz Original Crackers haben 500 Kal. und 6,3 g Zucker. Die Verarbeitungspunktzahl von 81 stuft sie als geradezu gesundheitsgefährdend ein. Empfohlen wird ein Weizencracker mit 428 Kal. und 0 g Zucker. Er hat die vorbildliche Verarbeitungspunktzahl von 4.
Eine andere Produktkategorie, bei der tatsächlich verarbeitet wird, um ein finales Produkt herzustellen. Zum Verarbeitungsgrad von Schokolade gibt es ebenfalls keine Angaben. Hier wird es dann ganz willkürlich. Cadbury Diary Milk mit einem schlechten Index von 94 wird als Empfehlung Ritter Sport mit einem deutlich besseren Index von 32 gegenübergestellt. Weniger oder mehr Verarbeitung? Fehlanzeige. Um das System zu durchschauen, muss man sorgfältig die Differenz der Daten analysieren. Bei den inhaltlichen Werten sind es für Cadbury 256,4 Kal. und 56,4 g. Zucker. Bei Ritter 580,6 Kal. und 45,2 g. Zucker. Eine mehr oder weniger überraschende Erkenntnis: Weder Unterschiede in der Verarbeitung noch die Kalorienmenge sind Kriterien, sondern der Zuckergehalt.
Das als Big Data zu UPF propagierte System ist nichts anderes als primitives Big Sugar. Der Charakter einer schlichten Zuckerdatenbank lässt sich quer durch alle Produktkategorien belegen. Von Null auf Hundert mit etwas Zucker. Wenn es das in der Wissenschaft geben würde, hätten die Erfinder von TueFood den Goldenen Windbeutel für viel warme Luft verdient. Man setzt sich auf den UPF-Trend. Das bringt Aufmerksamkeit. Man behauptet, den Verarbeitungsgrad von Lebensmittel aufzuzeigen. Das macht Eindruck, wird aber nicht im Mindesten erfüllt. Wie auch? Für die in der Wissenschaft sehr umstrittene UPF-Theorie gibt es keine Kriterien.
