Forschungspotenzial ist kein Wirksamkeitsnachweis für Nahrungsergänzungsmittel.
Sie heißen Reishi, Chaga oder Löwenmähne und werden als Pulver, Kapseln oder Extrakte mit großen Versprechen vermarktet. Vitalpilze liegen im Trend. Doch können die Pilze wirklich das Immunsystem stärken, die Konzentration verbessern, Energie liefern, Entzündungen hemmen und sogar bei Krankheiten wie Diabetes oder Krebs helfen? „Vitalpilze“, „Heilpilze“ oder „Medizinalpilze“ sind keine klar definierten medizinischen Begriffe. Vielmehr handelt es sich bei „Vitalpilz“ um einen Marketingbegriff für verschiedene Pilzarten, denen gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben werden. Dazu zählen beispielsweise Reishi, Shiitake, Chaga, Maitake, Cordyceps, Löwenmähne. Interessant sind die Pilze vor allem wegen ihrer Inhaltsstoffe. „Sie enthalten unter anderem Vitamine, Spurenelemente und verschiedene bioaktive Substanzen. Dazu gehören beispielsweise Beta-Glucane, Triterpene und Phenole. Einige dieser Stoffe zeigen in wissenschaftlichen Untersuchungen durchaus potenzielle Wirkungen“, so Dr. André Breddemann, Apotheker und Leiter der Abteilung Arzneimittel bei der BARMER. Das klingt vielversprechend, ist aber noch kein Beweis dafür, dass ein Vitalpilz als Nahrungsergänzungsmittel beim Menschen eine bestimmte Krankheit verhindern oder behandeln kann.
Zwischen Laborerfolg und tatsächlichem Nutzen.
Genau hier liegt der entscheidende Punkt. Für viele Vitalpilze gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, allerdings stammen zahlreiche Ergebnisse aus Laborversuchen mit Zellkulturen oder aus Tierversuchen. Teilweise werden dabei hoch konzentrierte Extrakte eingesetzt. „Ob dieselben Effekte beim Menschen auftreten, wenn ein Pilz beispielsweise als Pulver oder Kapsel eingenommen wird, ist keineswegs geklärt“, so der BARMER-Experte. Auch klinische Studien am Menschen sind bislang klein oder weisen methodische Einschränkungen auf. Daher lassen sich daraus keine verlässlichen Empfehlungen ableiten. Auch Verbraucherschutzorganisationen weisen darauf hin, dass die Datenlage zu möglichen Wirkungen und Risiken von Vitalpilzprodukten noch lückenhaft ist. Für viele der vollmundigen Gesundheitsversprechen fehlen aussagekräftige Belege. „Das bedeutet nicht, dass Pilze grundsätzlich wirkungslos sind. Im Gegenteil. Pilze haben der Medizin bereits wichtige Wirkstoffe geliefert. Das Antibiotikum Penicillin, Lovastatin, das erste in der Lipidsenkung verwendete Statin und das Immunsuppressivum Ciclosporin gehen auf Pilze beziehungsweise aus Pilzen gewonnene Wirkstoffe zurück. Weitere medizinisch interessante Substanzen könnten in Zukunft entdeckt werden“, so Breddemann. Das Forschungspotenzial dürfe aber nicht mit einer bereits nachgewiesenen Wirkung gleichgesetzt werden.
Nahrungsergänzungsmittel sind keine Medikamente.
Ein weiterer wichtiger Unterschied wird in der Werbung leicht übersehen. Die im Handel erhältlichen Vitalpilzprodukte sind in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen. Nahrungsergänzungsmittel zählen rechtlich zu den Lebensmitteln. „Für Arzneimittel müssen Wirksamkeit und Sicherheit in einem Zulassungsverfahren nachgewiesen werden; bei Nahrungsergänzungsmitteln ist ein solcher Wirksamkeitsnachweis nicht erforderlich“, so Breddemann. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) weist darauf hin, dass gesunde Menschen mit einer ausgewogenen Ernährung in der Regel ausreichend mit essenziellen Nährstoffen versorgt sind. Nahrungsergänzungsmittel können in bestimmten Lebenssituationen sinnvoll sein, sollten aber gezielt und, insbesondere bei Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme, nur nach fachlicher Beratung eingesetzt werden.
Natürlich heißt nicht automatisch harmlos.
„Natürlich“ klingt gesund und sicher. Doch insbesondere Naturstoffe können Nebenwirkungen haben. Bei Vitalpilzprodukten kommt hinzu, dass die Qualität der Präparate sehr unterschiedlich sein kann. „Bei Nahrungsergänzungsmitteln ist nicht in gleicher Weise wie bei Arzneimitteln gewährleistet, dass Wirkstoffgehalt und Zusammensetzung zuverlässig standardisiert sind“, gibt Breddemann zu bedenken. Zudem sei zu beachten, dass Verunreinigungen mit giftigen Stoffen oder anderen gesundheitsschädlichen Stoffen nicht auszuschließen sind. Der Apotheker warnt: „Besondere Vorsicht ist deshalb geboten, wenn Vitalpilze zur Behandlung einer Erkrankung eingesetzt werden sollen. Wer beispielsweise an Krebs erkrankt ist, sollte keinesfalls eine medizinisch etablierte und ärztlich empfohlene Therapie durch Vitalpilzpräparate ersetzen oder deren Beginn deswegen hinauszögern. Vitalpilzpräparate können eine notwendige Krebsbehandlung nicht ersetzen. Auch eine ergänzende Einnahme sollte mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden, vor allem, weil Wechselwirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen möglich sind.“
Quelle: barmer.de
