Fasten bei Diabetes: Zwischen religiöser Pflicht und Lifestyle-Trend

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Wann Fasten mit Diabetes sinnvoll sein kann – und wann es gefährlich wird.

Medizinischer Sicherheitshinweis (aktualisiert am 15. September 2026): Die folgenden Studien- und Leitlinienangaben sind keine Anleitung zur eigenständigen Änderung von Insulin oder anderen Diabetesmedikamenten. Ob Fasten vertretbar ist und wie Dosis, Zeitpunkt, Messungen und Abbruchregeln angepasst werden, muss vorab individuell mit dem behandelnden Diabetesteam festgelegt werden.

Mit dem bevorstehenden Ramadan und der Fastenzeit beschäftigen sich  viele Menschen erneut mit dem bewussten Verzicht auf Nahrung. Gleichzeitig  erfreut sich Intervallfasten als Lifestyle-Trend wachsender Beliebtheit. Für die  über 9 Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland ist Fasten jedoch keine  reine Glaubens- oder Gesundheitsfrage, sondern stark mit ihrer  Diabetestherapie gekoppelt. Der Verband der Diabetes-Beratungs- und  Schulungsberufe in Deutschland e. V. (VDBD) ordnet die aktuelle Studienlage  ein und zeigt, für wen Fasten infrage kommt, welche Regeln gelten und wann  dringend davon abzuraten ist. Entscheidend sind Diabetestyp, Therapieform und  Anlass des Fastens.

Religiöses Fasten – etwa im Ramadan – bedeutet meist einen vollständigen Verzicht auf  Essen und Trinken über viele Stunden hinweg, verbunden mit nächtlichen Mahlzeiten,  verändertem Schlaf und eingeschränkter Flüssigkeitszufuhr. Lifestyle-Fasten wie das  Intervallfasten erlaubt dagegen regelmäßiges Trinken und flexible Essensfenster. Diese  Unterschiede wirken sich direkt auf den Blutzucker, den Flüssigkeitshaushalt und den  Insulinbedarf aus. „Fasten ist also nicht gleich Fasten. Für Menschen mit Diabetes macht  das einen entscheidenden Unterschied“, sagt Theresia Schoppe, Vorstandsmitglied des  VDBD, Diabetesberaterin und Oecotrophologin B.Sc. aus Warstein. 

Typ-2-Diabetes: strukturierte Fastenformen können helfen 

Die INTERFAST-2-Studie untersuchte 46 Erwachsene mit insulinbehandeltem Typ-2-Diabetes in einem ärztlich begleiteten Protokoll mit drei nicht aufeinanderfolgenden Fastentagen pro Woche und 500 Kilokalorien innerhalb eines sechsstündigen Essensfensters. Nach zwölf Wochen sank das HbA1c in der Fastengruppe im Mittel um 7,3 mmol/mol (etwa 0,67 Prozentpunkte), das Gewicht um 4,77 Kilogramm und die tägliche Insulindosis um 9 Einheiten. Diese Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf 16:8, andere Fastenformen, das Ramadan-Fasten oder eine eigenständige Medikamentenanpassung übertragen.

Der Cochrane-Review von 2023 zu unterstützenden Maßnahmen beim Ramadan-Fasten bei Typ-2-Diabetes bewertet die Evidenz als niedrig bis sehr niedrig. Ein allgemeines Nutzen- oder Sicherheitsversprechen lässt sich daraus nicht ableiten.

Welche Fastenform infrage kommt und wie Medikamente oder Insulin angepasst werden müssen, ist vorab mit dem behandelnden Diabetesteam festzulegen. Pauschale Dosisreduktionen sind dafür ungeeignet: Die Anpassung hängt unter anderem vom Präparat, dem Insulinregime und dem Glukoseverlauf ab. Medikamente nicht eigenständig reduzieren oder absetzen. Messzeiten und Abbruchregeln gehören ebenfalls in den individuellen Plan. Auch die Ernährung im Essensfenster spielt eine Rolle. Eiweiß und ballaststoffreiche Mahlzeiten mit moderatem Kohlenhydratanteil entlasten den  Stoffwechsel und helfen, starke Blutzuckerschwankungen zu vermeiden. „Fasten kann  den Stoffwechsel entlasten, aber nur, wenn die Therapie angepasst wird“, betont  Schoppe. Ohne Beratung steige das Risiko für Unterzuckerungen deutlich. 

Typ-1-Diabetes: Fasten ist eine Hochrisiko-Situation 

Anders ist die Lage bei Typ-1-Diabetes (absoluter Insulinmangel) oder insulinpflichtigem  Typ-2-Diabetes mit verringerter Insulinsekretion. Schon kurze Fastenphasen können zu  gefährlichen Unterzuckerungen oder zu einer diabetischen Ketoazidose führen. Das individuelle Risiko muss vorab ärztlich bewertet werden. Bei hohem Risiko wird vom Fasten abgeraten. Wer trotz Diabetes fasten möchte, benötigt einen individuell vereinbarten Therapie- und Messplan. Eine pauschale Halbierung des Basalinsulins ist keine allgemeine Empfehlung. Auch Ketonmessungen und das Vorgehen bei auffälligen Werten oder Beschwerden sind mit dem Diabetesteam zu besprechen.

Ramadan-Fasten: besondere Regeln für Menschen mit Diabetes 

Beim Ramadan-Fasten gelten zusätzliche Anforderungen. Ob Menschen mit Typ-2-Diabetes fasten können, hängt von einer individuellen Risikobewertung ab. Ein HbA1c-Wert unter 8 Prozent allein ist keine ausreichende Voraussetzung. Die Medikation muss vorab angepasst werden, die Blutzuckerwerte sollten  mehrfach täglich gemessen werden – vor dem Fastenbrechen, danach, nachts und vor  der Mahlzeit vor Sonnenaufgang. Die abendliche Mahlzeit sollte den Blutzucker nicht  unnötig belasten, und ausreichendes Trinken in der Nacht ist essenziell. 

Bei Menschen mit Diabetes Typ 1 und instabilen Werten, Hypo-Neigung oder Diabeteskomplikationen wie Nierenschäden rät der VDBD klar davon ab, zu fasten. „Allen anderen möchten wir nicht pauschal abraten, doch es braucht in jedem Fall eine spezialisierte  Betreuung, klare Abbruchregeln und die Bereitschaft, das Fasten bei Auffälligkeiten sofort  zu beenden“, so Schoppe. „Denn im Zweifel gilt immer: Sicherheit geht vor Fasten.“ Die DDG-Praxisempfehlung „Diabetes und Migration“ von 2025 nennt als Gründe zum sofortigen Fastenabbruch einen Glukosewert unter 70 mg/dl oder über 300 mg/dl sowie Unterzuckerungssymptome oder eine akute Erkrankung. Individuell vereinbarte strengere Grenzen gelten zusätzlich. Bei Unterzuckerung ist sofort nach dem vereinbarten Behandlungsplan zu handeln; erhöhte Ketone oder schwere Beschwerden erfordern umgehende medizinische Hilfe. 

Für die passende Ernährung während der Fastenzeit empfiehlt die Diabetesberaterin für  den Suhoor (Mahlzeit vor Sonnenaufgang) Lebensmittel mit einem hohen  Ballaststoffgehalt zu wählen, die das Hungergefühl hinauszögern. Dazu gehören  Vollkornprodukte bei Brot und Reis, Grieß, Haferflocken und Joghurt, Linsen und andere  Hülsenfrüchte, gekochte Eier und viel Flüssigkeit. Das abendliche Fastenbrechen, der  Iftār, sollte viel Gemüse oder Salat beinhalten, um den Stoffwechsel nicht übermäßig zu  belasten. 

Warum Diabetesberatung beim Fasten unverzichtbar ist 

Fasten beeinflusst Blutzucker, Insulinwirkung und Flüssigkeitshaushalt zugleich.  Diabetesberaterinnen und Diabetesberater unterstützen dabei, Risiken realistisch  einzuschätzen, Messstrategien festzulegen und Notfallsituationen zu erkennen. „Fasten  darf nie auf eigene Faust begonnen werden – weder aus religiöser Überzeugung noch aus  gesundheitlichem Ehrgeiz“, betont Schoppe. 

Diabetes-Checkliste zur Fastenzeit

✔ Vorab klären 

☐ Risiken bei eigenem Diabetestyp kennen 

☐ Mit meinem Diabetesteam sprechen 

☐ Mit dem Diabetesteam einen individuellen Medikamentenplan vereinbaren; insbesondere das Ketoazidoserisiko unter SGLT-2-Hemmern besprechen. Insulin nicht eigenständig reduzieren oder absetzen 

☐ Unterzuckerungen und Ketoazidose erkennen und behandeln können

✔ Während des Fastens

☐ Blutzucker und Ketone häufiger messen 

☐ Ausreichend trinken 

☐ Warnzeichen ernst nehmen 

Fasten sofort beenden bei 

☐ Unterzuckerung 

☐ stark erhöhtem Blutzucker 

☐ Schwindel, Übelkeit, Zittern 

☐ Unsicherheit oder schlechtem Gefühl 

Fachquellen und weiterführende Informationen

Dieser Beitrag ist Teil des Themenfeldes: Ernährungsformen und Gewichtsreduktion: Trends und Methoden
Dieser Beitrag ist Teil des Themenfeldes: Ernährung, Gesundheit, Fitness: Was deutsche Verbraucher bewegt.

Redaktionell anhand der genannten Fachquellen geprüft und aktualisiert: food-monitor, 15. September 2026.

Quelle: vdbd.de