Typ-2-Diabetes entsteht über viele Jahre – Prävention sollte deshalb deutlich früher ansetzen als bisher.
Ein internationales Expertengremium unter Leitung des Universitätsklinikums Tübingen und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) fordert einen lebensphasenübergreifenden Ansatz.
Tübingen, 10. August 2026 – Typ-2-Diabetes entwickelt sich meist über viele Jahre. Präventionsmaßnahmen beginnen jedoch häufig erst dann, wenn der Blutzuckerspiegel bereits erhöht ist. Ein internationales Expertengremium unter Leitung des Universitätsklinikums Tübingen und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) fordert deshalb, Prävention neu zu denken: Sie sollte bereits vor einer Schwangerschaft beginnen und sich über das gesamte Leben bis ins höhere Alter erstrecken. In der Fachzeitschrift Nature Medicine hat die Gruppe erstmals einen Zehn-Punkte-Rahmen für eine lebensphasenübergreifende Diabetesprävention vorgelegt.
Die Veröffentlichung wurde vom Universitätsklinikum Tübingen und dem DZD initiiert und geleitet. Beteiligt waren internationale Fachleute aus Grundlagenforschung, klinischer Medizin und Prävention.
„Das Risiko für Typ-2-Diabetes baut sich über Jahrzehnte auf und wird durch biologische, soziale und verhaltensbezogene Faktoren geprägt“, erklärt Prof. Dr. Andreas L. Birkenfeld, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik IV am Universitätsklinikum Tübingen und Sprecher des DZD. „Prävention muss deshalb früher beginnen und individuelle Risiken über den gesamten Lebensverlauf berücksichtigen.“
Prävention beginnt lange vor der Erkrankung
Die Autorinnen und Autoren verstehen Diabetesprävention als kontinuierliche Aufgabe über verschiedene Lebensphasen hinweg. Dazu zählen die Zeit vor der Empfängnis, Schwangerschaft und frühe Kindheit ebenso wie Jugend und junges Erwachsenenalter, die mittleren Lebensjahre und das höhere Alter. In jeder Phase wirken andere biologische und soziale Einflüsse, die bei Präventionsangeboten berücksichtigt werden sollten.
„Die Stoffwechselgesundheit beider Eltern vor einer Schwangerschaft kann die Gesundheit des Kindes beeinflussen“, sagt Erstautorin Dr. Yiying Wang. „Auch Schwangerschaft und Stillzeit bieten wichtige Möglichkeiten, das spätere Diabetesrisiko zu senken.“
Gesundheit zurückgewinnen, statt Krankheit nur aufzuhalten
Ein zentraler Punkt des Konzepts ist die Remission: Ziel soll nicht allein sein, das Fortschreiten der Erkrankung zu verzögern, sondern möglichst früh und dauerhaft Stoffwechselgesundheit zurückzugewinnen. Bei Prädiabetes liegen die Blutzuckerwerte bereits über dem Normalbereich, aber noch unterhalb der Diabetesgrenze. Durch eine gezielte Lebensstiländerung können sich die Werte wieder normalisieren. Damit sinkt auch das langfristige Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken.
„Prädiabetes ist kein unumkehrbarer Zustand“, betont Birkenfeld. „Die Remission sollte deshalb zu einem zentralen Ziel der Prävention werden.“
Zehn Prioritäten für die Diabetesprävention der Zukunft
Der veröffentlichte Zehn-Punkte-Katalog benennt zentrale Handlungsfelder für Forschung und Versorgung. Dazu gehören die Erkennung von Risiken über den gesamten Lebensverlauf, stärker personalisierte Präventionsangebote, der Einsatz digitaler und KI-gestützter Werkzeuge, die Remission als Behandlungsziel sowie der Abbau sozialer Ungleichheiten. Nach Angaben des DZD handelt es sich um den ersten internationalen Expertenkonsens, der diese Aspekte in einem lebensphasenübergreifenden Rahmen zusammenführt.
Die Originalpublikation von Wang et al. trägt den Titel „Type 2 diabetes prevention across the life course“ und erschien 2026 in Nature Medicine. DOI: 10.1038/s41591-026-04550-z.
LIFETIME-Studie zur Remission bei Prädiabetes
Das DZD weist außerdem auf die LIFETIME-Studie hin. Sie richtet sich an Menschen mit Prädiabetes und untersucht, ob die Kombination des Arzneimittels Dapagliflozin mit einer strukturierten Lebensstilintervention die Remission fördern kann.
Quelle: dzd-ev.de
