„Vitamine sind harmlos, die kann man gar nicht überdosieren“, solche oder ähnliche Aussagen sind, vor allem in Sozialen Medien, weit verbreitet.
Aber: Insbesondere bei fettlöslichen Vitaminen sollte man vorsichtig sein. Dazu gehören die Vitamine A, D, E und K. Diese Vitamine werden in der Leber und im Fettgewebe als Reserve gespeichert und können bei einer überhöhten Aufnahme – je nach Menge – zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen.
Zu viel Vitamin A beispielsweise kann akut Übelkeit, Erbrechen, starke Kopfschmerzen und Schwindel hervorrufen. Wird chronisch zu viel aufgenommen, können Leberschäden die Folge sein. Die tolerierbare tägliche Obergrenze von 3 Milligramm für Erwachsene bezieht sich auf vorgebildetes Vitamin A, also Retinol und Retinylester aus Lebensmitteln und Präparaten. Sie ist keine Einnahmeempfehlung. Provitamin-A-Carotinoide wie Beta-Carotin in Karotten gehören nicht in dieselbe Grenzwertrechnung; ihre Umrechnung in Vitamin-A-Äquivalente für die Bedarfsdeckung ist davon zu unterscheiden. Das erläutert die Vitamin-A-Übersicht der US-Gesundheitsbehörde NIH. Daraus folgt keine pauschale Unbedenklichkeit hochdosierter Beta-Carotin-Präparate.
Auch Vitamin D, das der Körper größtenteils durch Sonnenlicht produziert, kann durch Nahrungsergänzungsmittel überdosiert werden. Vor allem mit hochdosierten Tropfen vertut man sich schnell und es werden mehr als geplant. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) berichtet aktuell über schwere Vergiftungen bei Säuglingen durch eine Überdosierung von Vitamin D.
Wer über einen längeren Zeitraum deutlich zu viel Vitamin D über Nahrungsergänzungsmittel einnimmt, riskiert zum Beispiel Nierenschäden. Die tolerierbare tägliche Gesamtzufuhrmenge beträgt für Erwachsene und Kinder ab elf Jahren 100 Mikrogramm, entsprechend 4.000 Internationalen Einheiten (IE). Für jüngere Kinder gelten niedrigere, altersabhängige Obergrenzen. Die DGE erläutert diese EFSA-Werte. Eine Obergrenze ist keine empfohlene tägliche Dosis. Dieser Wert bezieht sich auf Nahrungsergänzungsmittel, angereicherte Lebensmittel und die normale Ernährung. In Lebensmitteln wie Fisch, Eiern oder Pilzen ist zwar Vitamin D enthalten, die Mengen sind jedoch so gering, dass sie für die Versorgung kaum eine Rolle spielen. Nahrungsergänzungsmittel sind allerdings häufig so hoch dosiert, dass eine viel höhere Dosis erreicht wird, als die maximal sichere Menge. Gleichzeitig ist Vitamin D ein lebensnotwendiger Stoff und ein Mangel sollte ebenso vermieden werden. Im Zweifel kann bei Verdacht auf einen Mangel nur eine Blutuntersuchung Klarheit schaffen.
Doch nicht nur fettlösliche, sondern auch wasserlösliche Vitamine können negative Folgen bei Überdosierung haben. Ein Überschuss an wasserlöslichen Vitaminen wird zwar mit dem Urin ausgeschieden, allerdings können überdosierte wasserlösliche Vitamine in der Zeit, in der sie im Körper sind, einen gewissen Schaden anrichten. Bei den B-Vitaminen sind die Risiken getrennt zu betrachten: Eine langfristig zu hohe Vitamin-B6-Aufnahme kann periphere Nervenschäden hervorrufen. Bei Vitamin B12 beschreibt das BfR Hinweise aus Beobachtungsstudien zu möglichen Risiken hoher Supplementzufuhr beziehungsweise hoher Blutspiegel. Solche Zusammenhänge dürfen nicht pauschal als Beweis ausgegeben werden, dass B12-Einnahme Lungenkrebs verursacht. Was „sehr hohe Mengen“ bedeuten kann, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2023: Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt für den Zusatz von Vitamin B6 in Nahrungsergänzungsmitteln eine Höchstmenge von 0,9 mg pro Tagesverzehrempfehlung für Personen ab 15 Jahren. Über das Warnportal der Bundesländer (lebensmittelwarnung.de) wurde vor dem Verzehr eines Nahrungsergänzungsmittels zur Einnahme bei Migräne gewarnt: Das Produkt enthielt pro Kapsel 60 mg Vitamin B6, mit einer Verzehrempfehlung der Herstellerfirma von bis zu vier Kapseln täglich. Das wären 240 mg B6 täglich. Der BfR-Höchstmengenvorschlag von 0,9 mg bezieht sich auf die Tagesdosis eines einzelnen Nahrungsergänzungsmittels und berücksichtigt weitere Aufnahmequellen sowie mögliche Mehrfacheinnahmen. Er ist nicht die toxikologische Obergrenze der Gesamtzufuhr. Diese liegt nach EFSA für Erwachsene bei 12 mg B6 pro Tag; 240 mg entsprechen deren 20-Fachem. Für Kinder und Jugendliche gelten niedrigere Obergrenzen.
Eine ausgewogene Ernährung deckt für viele Menschen einen großen Teil des Vitaminbedarfs. Ob Präparate sinnvoll sind, hängt jedoch von Ernährung, Lebensphase und gesundheitlicher Situation ab. Neben der Behandlung eines Mangels gibt es anerkannte vorbeugende Anwendungen, etwa Vitamin D für Säuglinge, Folsäure bei geplanter Schwangerschaft und Vitamin B12 bei veganer Ernährung. Die DGE-Empfehlungen zu Nährstoffpräparaten unterscheiden diese Fälle. Geeignete Präparate und Dosierungen sollten entsprechend diesen Empfehlungen und bei Bedarf ärztlich abgestimmt werden; hochdosierte Einnahme auf Verdacht ist damit nicht gemeint.
Merle Schonvogel
Quelle: bzfe.de
