Zuckersteuer ist ein Gesundheitsrisiko
Preise rauf, Qualität runter
von Detlef Brendel
Eine Zuckersteuer soll zur Gesundheit der Bürger beitragen. Sie wird wohl nur zur Füllung staatlicher Kassen beitragen. Die Initiative ist bei genauer Betrachtung gesundheitspolitisch sinnlos und zudem verbraucherfeindlich. Erfrischungsgetränke werden auch künftig getrunken. Die Konsumenten weichen von staatlich verteuern Marken auf preiswerte Alternativprodukte aus. Das Verlangen nach geschmacklich attraktiven Erfrischungsgetränken sorgt für einen stabilen Zuckerverzehr mit einem anderen Etikett. Die andere Variante ist noch bedenklicher. Hochwertiger Naturzucker wird durch preiswerte künstliche Süssung ersetzt, deren langfristige Folgen für die Vitalität noch nicht ausreichend erforscht sind. Dem Staat ist es egal, er will Geld.
Es ist eine Politik ohne Sachverstand, um Steuergelder über Nahrungsmittel, besonders wenn diese gut schmecken, einzusammeln. Der Staat nimmt bei seinen Bürgern einen Schluck aus der Flasche und der Konsument wird zur Kasse gebeten. Zugleich ist es eine Irreführung der Bürger, weil ihnen vorgegaukelt wird, das sei für ihre Gesundheit gut und übergewichtige Kinder würden schlanker werden und einen gesunden BMI erhalten. Die Universität Cambridge hat in England bilanziert, dass der Effekt einer solchen Steuer auf der Insel gleich Null ist, weil die Ursachen von Übergewicht komplex sind und durch den Preis bei Erfrischungsgetränken nicht eliminiert werden. Allein bei Mädchen der sechsten Klasse konnte ein gewisser Effekt gefunden werden. Bei Jungen war keiner messbar. Erfolg sieht anders aus.
Zudem blendet die Politik den Stand der medizinischen Forschung aus. Ein Armutszeugnis für die Kompetenz. Der BMI als Kriterium für Übergewicht und die damit unterstellten Risiken war schon lange in der Kritik. Inzwischen weiß man, dass er zur Abschätzung gesundheitlicher Risiken ungeeignet ist. Eine Adipositas-Diskussion hat sogar negative gesundheitliche Folgen. Menschen durch den BMI zu klassifizieren, schafft Krankheitsrisiken, die nicht rechtzeitig erkannt werden. Ein BMI unter 25 gilt als gesund, ein Wert darüber als übergewichtig und ab 30 beginnt die Adipositas. Das Verhältnis von Körpergröße zum Gewicht führt schlicht in eine falsche Richtung.
Muskeln wiegen mehr als Fett. Der BMI von Sportlerinnen und Sportlern mit reichlich Muskelmasse war immer schon irritierend, denn diese Frauen und Männer haben einen recht hohen BMI. Laut Tabelle der WHO wären sie übergewichtig, tatsächlich sind sie es aber nicht. Es gibt auch den umgekehrten Fall: Menschen mit einem BMI, der im Normalgewichtsbereich liegt, die aber trotzdem zu viel Körperfett und damit verbundene Risiken haben.
Die Medizin hat dafür jetzt einen interessanten Terminus. Es sind die sogenannten TOFIs. Das meint „thin outside, fat inside“. Das sind Normalgewichtige mit den für Adipositas prognostizierten Risiken und Erkrankungen. Nach medizinischen Studien haben zwischen 20 und 30 Prozent der Personen mit einem vermeintlich vorbildlichen BMI von unter 25 die für Adipositas typischen Stoffwechselstörungen. Auch die Kausalität ist erforscht. Es liegt am Viszeralfett im Bauchraum, das Diabetes, Fettleber und Arteriosklerose initiiert.
Eine internationale Expertenkommission hat in „Lancet“ vorgeschlagen, Adipositas neu zu definieren, weil der BMI nur „inadäquate Informationen“ über die individuelle Gesundheit gebe. Nun haben Forschende des Berlin Institute of Health der Charité (BIH) und der Queen Mary University in London mit dem „Obscore“ einen neuen Ansatz entwickelt, um mit einer Alternative zum BMI schädliches Übergewicht zu erkennen.
Kamil Demircan, wissenschaftlicher Mitarbeiter des BIH und Erstautor der Studie, bringt es auf den Punkt. Der BMI sei zwar einfach anwendbar, aber medizinisch bedeutungslos „Es ist immer mehr wissenschaftlicher Konsens, dass sich die vielfältigen Auswirkungen von Adipositas damit nicht abbilden lassen – vor allem, wenn es darum geht, das Risiko von Folgekrankheiten abzuschätzen.“ Genau das soll jetzt mit dem „Obscore“ möglich sein. So störend kann Forschung sein. Wie soll man damit für die Staatskasse durch eine schlichte Abgabe Geld erwirtschaften? Der BMI hat seine Gültigkeit verloren. Im Interesse der Gesundheit ist eine Neuorientierung auf Basis medizinischer Fakten dringend notwendig.
