Ist Zuckerkonsum zu „steuern“

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Die gesundheitlichen Folgen von Übergewicht und Adipositas stellen weltweit eine erhebliche Herausforderung für Gesundheitssysteme dar.

In der öffentlichen Debatte wird häufig ein direkter Zusammenhang zwischen dem Konsum von Zucker, insbesondere zuckergesüßten Getränken, und der Entwicklung von Adipositas hergestellt. Daraus werden politische Maßnahmen wie Zuckersteuern, Werbebeschränkungen oder Produktregulierungen abgeleitet. Die internationale Evidenz zeigt jedoch ein differenzierteres Bild.

Autor: Dr. Malte Rubach, M.R.EXPERT Food · Nutrition · Innovation, www.mrexpert.de

Globale Daten zur Nahrungsmittelverfügbarkeit und zur Entwicklung der Adipositasprävalenz verdeutlichen, dass die Zunahme von krankhaftem Übergewicht nicht parallel zu einer steigenden Verfügbarkeit von Zucker verläuft. Während die Gesamtenergieversorgung weltweit deutlich zunahm, blieb die Verfügbarkeit von Zucker vielerorts weitgehend stabil oder ging sogar zurück. Gleichzeitig stieg die Prävalenz von Adipositas kontinuierlich an.

Auch internationale Vergleiche ernährungspolitischer Maßnahmen liefern keine Hinweise auf einen eigenständigen Zusammenhang zwischen Zuckersteuern und niedrigeren Adipositasraten. Analysen des Obesity Response Index (ORI) zeigen vielmehr, dass erfolgreiche Strategien vor allem durch strukturierte Versorgungssysteme, evidenzbasierte Behandlungsleitlinien, Bewegungsförderung sowie Ernährungsbildung etc. gekennzeichnet sind.

Zuckersteuern machen Menschen nicht schlanker

Am Beispiel des Vereinigten Königreichs wird zudem deutlich, dass die Einführung einer Steuer auf zuckergesüßte Getränke zwar zu Reformulierungen von Produkten führte, jedoch keine erkennbaren Veränderungen in der krankheitsbezogenen Belastung durch einen hohen Konsum zuckergesüßter Getränke nachweisbar sind. Die vorliegenden empirischen Daten sprechen dafür, Adipositas als multifaktorielles Gesundheitsproblem zu betrachten und ernährungspolitische Maßnahmen stärker an nachweislich wirksamen Interventionen auszurichten.

WHO erwartet kaum Gesundheitseffekte durch Einführung von Zuckersteuern

Besonders relevant für die aktuelle Debatte in Deutschland ist der Blick auf Länder, die bereits seit Jahren Steuern auf zuckergesüßte Getränke erheben. Die im Beitrag ausgewerteten WHO-Daten zeigen nach Einführung solcher Abgaben kein einheitliches Muster einer Abschwächung oder Umkehr steigender Adipositasraten. Auch wo die Prävalenz stagniert oder sinkt, lässt sich kein konsistenter zeitlicher Zusammenhang mit der Steuer erkennen. Eine Abgabe kann Kaufentscheidungen oder Rezepturen verändern; daraus folgt nicht automatisch ein messbarer Rückgang von Übergewicht auf Bevölkerungsebene.

Selbst die WHO bewertet die Evidenz für Auswirkungen solcher Steuern auf Gesamtenergieaufnahme, Körpergewicht beziehungsweise BMI und gesundheitliche Endpunkte als sehr niedrig bis niedrig. Das trennt einen plausiblen Wirkmechanismus von einem nachgewiesenen Bevölkerungseffekt.

Auch der Public Health Index (PHI) ist hierfür kein Wirkungsnachweis: Er erfasst, welche empfohlenen Präventionsmaßnahmen Staaten umgesetzt haben, aber nicht, ob eine einzelne Maßnahme tatsächlich Adipositas senkt. Der breiter angelegte Obesity Response Index verweist dagegen auf die Bedeutung umfassender Strategien aus Versorgung, Prävention, Bewegung, Bildung und Behandlung. Der PHI selbst vergleicht den Umsetzungsstand von Präventionsmaßnahmen in 18 europäischen Ländern.

Fazit

Für Deutschland folgt daraus: Die politische Debatte sollte die Entstehung von Übergewicht und Adipositas nicht auf den Konsum eines einzelnen Produktes oder eines Nährstoffes verengen. Gesamtenergiebilanz, Bewegung, soziale und ökonomische Bedingungen, Schlaf, Stress, individuelle Veranlagung sowie Prävention und medizinische Versorgung wirken zusammen. Die internationale Evidenz betrachteter Untersuchungen und Datenerhebungen liefert keinen belastbaren Beleg für die Wirksamkeit einer Zuckersteuer. Diese wird mitnichten dazu beitragen, die Bevölkerung in Deutschland messbar schlanker zu machen.

Quelle: journal.bdsi.de