Starkes Übergewicht (Adipositas) ist eine Erkrankung, die auf Störungen im Stoffwechsel zurückgeht und zu einer übermäßigen Vermehrung des Fettgewebes führt.
Forschende aus Endokrinologie und Dermatologie beobachten eine Wechselwirkung zwischen Adipositas (als Teil des metabolischen Syndroms) und Hauterkrankungen. Bindeglied scheinen Entzündungsprozesse zu sein. Bei welchen Hauterkrankungen das Risiko für ein metabolisches Syndrom und Adipositas erhöht ist, welche Behandlungsoptionen beim schweren Übergewicht bestehen und wie sich ein Gewichtsverlust auf die Therapie von Hautkrankheiten auswirken kann, war Thema der angekündigten Diskussion von Expertinnen und Experten der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) und des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen (BVDD) auf der gemeinsamen Online-Pressekonferenz am 24.02.2026 zum Auftakt der DERMATOLOGIE kompakt + praxisnah KoPra (26. – 28.02.2026 in Leipzig).
Adipositas wird definiert als über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts. Ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland ist stark übergewichtig (Adipositas: BMI ≥30 kg/m2), das sind 23% der Männer und 24% der Frauen. Adipositas ist als chronisch fortschreitende Krankheit auch aufgrund der Vielzahl an Folge- und Begleiterkrankungen wie Diabetes Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine enorme Herausforderung für Patientinnen und Patienten, Behandler und das Gesundheitssystem. Adipositas und Hauterkrankungen sind häufig und können einander bedingen.
„Für chronisch entzündliche Systemerkrankungen wie die Psoriasis besteht ein hohes Risiko für die Entwicklung von Komorbidität wie beispielsweise das metabolische Syndrom“, sagt Prof. Dr. med. Matthias Blüher vom Helmholtz-Institut für Metabolismus-, Adipositas- und Gefäßforschung (HI-MAG) und Keynote-Speaker der KoPra 2026. Das metabolische Syndrom ist eine Kombination aus Adipositas (Bauchfett), Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Insulinresistenz. Umgekehrt stellt es auch einen Risikofaktor für die Entstehung einer Schuppenflechte dar. „Das Bindeglied zwischen der Stoffwechselerkrankung Adipositas und Dermatosen wie Psoriasis könnte Entzündung sein“, sagt Blüher, der die Adipositas-Ambulanz für Erwachsene der Universitätsmedizin Leipzig leitet und als Professor für Klinische Adipositasforschung an der Universität Leipzig lehrt.
Fettstoffwechsel und Entzündungsmechanismen
Die genauen Mechanismen, die für den Zusammenhang zwischen starkem Übergewicht und einem erhöhten Risiko für immunvermittelte Hauterkrankungen verantwortlich sind, kennen die Forschenden noch nicht. „Vermutet wird, dass überschüssiges Fettgewebe proinflammatorische Mechanismen auslöst, die die Entwicklung von Hautkrankheiten beeinflussen“, so Blüher. Dabei spielt das weiße Fettgewebe eine Rolle, das für die Wärmeisolation, die Energiespeicherung und die Sekretion regulatorischer Peptide, sogenannter Adipokine, verantwortlich ist. Die Freisetzung von Adipokinen variiert je nach Art des subkutanen Fettgewebes und hat vielfältige parakrine und endokrine Auswirkungen auf Stoffwechsel- und Immunfunktionen. Erkrankungen des Fettgewebes sind daher mit Herz-, Stoffwechsel- und Entzündungserkrankungen, Krebs und mit der Hautgesundheit assoziiert. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass Adipokine aus dem Fettgewebe wie Leptin, Adiponektin, Interleukin (IL) 6, Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-α) und Plasminogenaktivator-Inhibitor (PAI-1) die Hauptdeterminanten der durch Adipositas bedingten Entzündung sind. „Die Serum-Leptinspiegel sind bei Menschen mit Adipositas erhöht, und Leptin könnte einer der Faktoren sein, der Adipositas und Psoriasis verbinden“, sagt Blüher.
Neben der Schuppenflechte besteht vermutlich auch bei anderen entzündlichen Dermatosen wie Hidradenitis suppurativa (Akne inversa) und atopischer Dermatitis (AD) ein Zusammenhang zur Adipositas.
Für die Therapie chronisch entzündlicher Hauterkrankungen bei Menschen mit sehr hohem Körpergewicht stellt sich daher die Frage, ob das hohe Gewicht und die im Fettgewebe ablaufenden Entzündungsprozesse Erfolg oder Misserfolg der Therapie beeinflussen. „Da liegt natürlich der Gedanke nah, durch eine Gewichtsreduktion diese Behandlungen positiv zu unterstützen. Wir wissen aber aus jahrzehntelanger Erfahrung, dass eine Reduzierung des Gewichtes bei starker Adipositas nicht einfach ist“, gibt Blüher zu bedenken.
Inkretinmimetika: Die „Abnehmspritze“ ist ein Meilenstein
Die konservativen Maßnahmen der Adipositastherapie bleiben wichtig. Ernährungsumstellung, Bewegung und verhaltenstherapeutische Maßnahmen sollen zur langfristigen Gewichtsreduktion führen. Der erzielte Gewichtsverlust hängt unter anderem von Intensität, Dauer und individueller Umsetzung der Behandlung ab. Der Experte betont, dass moderne Medikamente daher eine wichtige Säule für einen langfristigen Erfolg sind. „Mit den Inkretinmimetika, die in der Öffentlichkeit mit dem Begriff der ‚Abnehmspritze‘ verbunden sind, hat sich die Behandlung der Adipositas ganz grundsätzlich verändert“, konstatiert Blüher. GLP-1 und GIP-Rezeptoragonisten ahmen die Wirkung der Darmhormone GLP-1 und GIP nach. Sie setzen Insulin frei, hemmen die Glukagon-Ausschüttung, verlangsamen die Magenentleerung und zügeln den Appetit. Die Wirkung hängt von Wirkstoff, Dosis, Behandlungsdauer und untersuchter Patientengruppe ab. In der SURMOUNT-1-Studie erreichten Erwachsene mit Adipositas beziehungsweise Übergewicht und Begleiterkrankung ohne Diabetes unter der höchsten untersuchten Tirzepatid-Dosis nach 72 Wochen im Mittel 20,9 Prozent Gewichtsverlust. Das ist kein allgemeines Erfolgsversprechen für jedes Inkretinmedikament. „Adipositas ist als chronische Krankheit nicht heilbar. Aber die neuen pharmakologischen Entwicklungen sind Meilensteine in der Therapie der Adipositas. Wissen muss man aber auch, dass der erzielte Gewichtsverlust oft nicht von Dauer ist, wenn die Therapie abgesetzt wird“, ergänzt Blüher.
Gewichtsreduktion kann eine Psoriasistherapie unterstützen
Eine randomisierte Studie von 2014 mit 262 Menschen mit Adipositas und Psoriasis unter Biologika fand bei zusätzlicher diätetischer Gewichtsreduktion bessere Hautbefunde. Daraus folgt keine Wirkungsgarantie für jede Person oder jedes Medikament. „Eine enge Abstimmung zwischen den Behandelnden aus Dermatologie und Endokrinologie erscheint daher sehr sinnvoll. Aber sie sollte individuell mit jeder Patientin und jedem Patienten abgestimmt werden“, betont Blüher, denn es gibt unerwünschte Begleiteffekte und noch wenig Wissen zu Langzeitfolgen. Zu den Nebenwirkungen der ‚Abnehmspritze‘ gehören im Wesentlichen gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Appetitlosigkeit, Völlegefühl und Erbrechen.
Auch mögliche Wirkungen auf Substanzabhängigkeiten werden erforscht. „Es scheint Hinweise zu geben, dass Inkretinmimetika wie Semaglutid oder Tirzepatid nicht nur regulierend auf die Esssucht wirken, sondern auch regulierend auf andere Substanzabhängigkeiten wirken“, sagt Blüher.
Redaktionelle Einordnung vom 14. September 2026: Ergebnisse zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit lassen sich nicht pauschal auf andere Abhängigkeiten oder alle Inkretinmimetika übertragen. Eine 2026 veröffentlichte Phase-2-Studie mit 50 Erwachsenen untersuchte orales Semaglutid über acht Wochen. Sie fand weniger Tage mit starkem Alkoholkonsum, aber keine signifikante Verbesserung des primären Endpunkts, des im Labor ausgelösten Verlangens, und keine signifikante Verringerung der Getränke pro Tag. Weitere Forschung ist nötig.
Literatur:
Blüher, M. Adipositas. Diabetologie 20, 309–311 (2024). doi.org/10.1007/s11428-024-01179-9
Wohlrab, J., Körber, A., Adler, G. et al. Handlungsempfehlungen zur individuellen Risikoermittlung von Komorbidität bei erwachsenen Patienten mit Psoriasis. Dermatologie 74, 350–355 (2023). doi.org/10.1007/s00105-023-05116-7
Palanivel JA, Millington GWM. Obesity-induced immunological effects on the skin. Skin Health Dis. 2023 Feb 28;3(3):e160. doi: 10.1002/ski2.160.
Vergangener Veranstaltungstermin: DERMATOLOGIE kompakt + praxisnah (KoPra)
Gemeinsame Tagung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft e. V. (DDG) und des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen e. V. (BVDD) vom 26. – 28.02.2026 im Congress Center Leipzig
Dieser Beitrag ist Teil des Themenfeldes: Ernährungsformen und Gewichtsreduktion: Trends und Methoden
Weiterführend: Studien zeigen: Fettverteilung, Hormone und Lebensphasen beeinflussen den Weg von Adipositas zu Typ-2-Diabetes.
Aktualisiert am 14. September 2026
Quelle: derma.de
