Forscherinnen der Universität Leipzig und des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) haben in einer Studie den Einfluss stark steigender Preise auf den nachhaltigen Konsum untersucht.
Sie fanden heraus, dass die Konsument:innen in Deutschland unterschiedlich auf Inflationssorgen reagieren: Personen mit ausgeprägtem Umweltbewusstsein lassen sich demnach auch durch steigende Preise nicht davon abhalten, Bio-Lebensmittel zu kaufen. Dagegen investieren Menschen mit geringerem Umweltbewusstsein deutlich weniger in den nachhaltigen Konsum von Lebensmitteln. Die Studie wurde im „Journal of Economic Behavior & Organization“ veröffentlicht.
„Die zugrunde liegenden Mechanismen können vielfältig sein. Unsere Ergebnisse weisen jedoch auf zwei zentrale Erklärungsansätze hin. Erstens werden Bio-Lebensmittel in Zeiten zunehmender Inflationssorgen häufiger als Luxusgut wahrgenommen. Zweitens gewinnt die Wahrnehmung an Bedeutung, dass es gesellschaftlich akzeptiert ist, angesichts stark steigender Preise auf den Kauf der häufig teureren Bioprodukte zu verzichten“, erläutert Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Lena Tonzer von der Universität Leipzig. Sie hat die Studie gemeinsam mit Prof. Dr. Sabrina Jeworrek vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle durchgeführt.
Ihre Forschungsfrage knüpfte an zwei zentrale Entwicklungen an: zum einen die stark steigenden Preise in den Jahren 2021 bis 2023, die zu hohen Inflationsraten auch bei Nahrungsmitteln geführt haben. Zum anderen stellte sich in Zeiten des Klimawandels und knapper werdender Ressourcen die Frage, wie das nachhaltige Kaufverhalten von diesen Preisentwicklungen betroffen sein kann.
Die Wissenschaftlerinnen untersuchten, wie sich das Einkaufsverhalten von Haushalten an neue Informationen in Bezug auf Preisentwicklungen anpassen. Aus ähnlichen Studien weiß man, dass sowohl aktuelle Inflationsraten aber auch Inflationserfahrungen, die man über sein ganzes Leben gesammelt hat, entscheidend sein können für heutige ökonomische Entscheidungen von Haushalten. Zum Beispiel kann in Erwartung steigender Preise der Kauf von langlebigen und oft teureren Gütern, wie Waschmaschinen oder Laptops, vorgezogen werden. „Wir fanden heraus, dass sich höhere Inflationsraten und damit verbundene Sorgen nicht nur auf den Konsum im Allgemeinen, sondern auch auf das nachhaltige Konsumverhalten auswirken“, sagt Jeworrek.
In früheren Studien zu Gründen für nachhaltigen Konsum wurden Faktoren wie Einkommen oder soziale Normen diskutiert. „Ein plötzlicher Einbruch im Einkommen kann zum Beispiel zu einer Verringerung des nachhaltigen Konsums führen, da nachhaltige Produkte oft teurer sind als konventionelle Produkte“, erklärt Tonzer. Die Rolle von Inflationssorgen als Einflussfaktor sei in den verwandten Studien jedoch bisher nicht betrachtet worden.
Online-Befragungen und Feldexperiment ausgewertet
Die Forscherinnen werteten für ihre Analyse Online-Befragungen vom Juni 2023 und vom September 2024 aus. Die Stichprobe an Befragten bildete dabei einen repräsentativen Querschnitt der deutschen Bevölkerung ab. Einem Teil der Befragten wurden aktuelle Zahlen zu den hohen Inflationsraten, also dem starken Anstieg der Preise vor allem bei Nahrungsmitteln vorgelegt. Im Anschluss wurde verglichen, ob das Hervorheben der Inflationsentwicklungen zu unterschiedlichen Reaktionen in Bezug auf die Bereitschaft führt, Bio-Lebensmittel zu kaufen.
Zudem haben bei Untersuchungen in Halle (Saale) und Magdeburg im Oktober 2023 Proband:innen online ihren Einkaufskorb gefüllt. Zuvor erhielten sie verschiedene Abfolgen an Informationen zu Inflation und nachhaltigem Konsum. Diese unterschiedliche Sequenz an Informationen ermöglichte nach Ablauf des Feldexperiments den Vergleich der Warenkörbe. Ergebnis: Der Warenkorb fiel zum Beispiel anders aus – je nachdem, ob Inflationssorgen vor oder nach dem Befüllen des Warenkorbs ins Bewusstsein gerufen wurden.
Für eine nachhaltige Ressourcennutzung ist das Einkaufsverhalten von privaten Haushalten neben den Produktionsentscheidungen von Unternehmen ein zentraler Baustein. „Das Forschungsergebnis zeigt, dass gerade der Konsum von Bio-Lebensmitteln in Zeiten hoher Inflationsraten und sich daraus ergebender Sorgen zurückgehen kann“, resümiert Tonzer. Stabile Preisentwicklungen im Einklang mit dem Inflationsziel von um die zwei Prozent im Euroraum könnten sich deshalb stabilisierend auf das nachhaltige Einkaufsverhalten auswirken.
Gleichzeitig treiben den Forscherinnen zufolge Probleme in den globalen Lieferketten, zum Beispiel durch die Blockade wichtiger Schifffahrtswege oder geopolitische Spannungen, die bestimmte Güter wie zum Beispiel Energie verknappen, die Preise nach oben. Gerade in Zeiten, in denen Inflationssorgen stark ausgeprägt sind, stabilisiere ein höheres Umweltbewusstsein den nachhaltigen Konsum. Dies bedeute im Gegenzug, dass zum Beispiel Veranstaltungen in Schulen, die über den Klimawandel und den bewussten Umgang mit Ressourcen informieren, dazu beitragen können, nachhaltiges Einkaufsverhalten auch in Krisenzeiten zu stärken.
Originaltitel der Veröffentlichung im „Journal of Economic Behavior & Organization“:
„Inflation concerns and green product consumption: Evidence from a nationwide survey and a framed field experiment”, Doi: 10.1016/j.jebo.2026.107673
Quelle: uni-leipzig.de
