Gesundheitspolitik auf Abwegen / Strafe statt Vitalität

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Das Ziel ist unbestritten. Die Kinder sollen fit für das Leben gemacht werden. Physisch und psychisch. Dazu gehören neben der Bildung auch Gesundheit und körperliche Fähigkeiten.

Im Interesse der Demokratie mit mündigen Bürgern sollen parallel Eigeninitiative und Eigenverantwortung gefördert werden. Der Staat sieht sich in der Pflicht, den Eltern dabei zu helfen. Angesichts seiner angespannten Haushaltslage hat er dafür eine gute Idee. Das Taschengeld der Heranwachsenden und mittelbar die Haushaltskasse der Eltern sollen mit einer Strafsteuer für das belastet werden, was Kindern gut schmeckt. Zunächst einmal sind das die Erfrischungsgetränke. Damit eine solche Steuer keinen schlechten Beigeschmack bekommt, begründen die Politiker die finanzielle Belastung mit einer in der Folge steigenden Gesundheit. Weniger Zucker in der täglichen Ernährung macht angeblich schlanker, vitaler und senkt die Risiken für spätere Krankheiten. Hier ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Zudem fällt ein für die demokratische Gesellschaft sehr negativer Mechanismus auf. Politiker sehen nicht den mündigen Verbraucher, sondern den geregelten Konsumenten. Ein fataler Fehler für die Mündigkeit wie auch für die Gesundheit.

Grundlage der Gewichtsbeurteilung ist der Body Mass Index (BMI). Nach dieser Wertung sind 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren übergewichtig. Knapp sechs Prozent gelten als stark übergewichtig (adipös). Umgerechnet sind das nach den BMI-Werten rund 1,9 Millionen übergewichtige Kinder und Jugendliche in Deutschland. Was sagen diese Zahlen? Über die tatsächliche Gesundheit sagen sie nichts. International sind sich führende Institute und Mediziner inzwischen einig, dass der BMI, ein Quotient aus Körpergewicht zur Körpergröße im Quadrat, zwar einfach zu berechnen ist, aber keine Relevanz im Hinblick auf die Beurteilung gesundheitlicher Risiken hat. Er ist medizinisch wertlos. Damit sind auch alle Statistiken wertlos, die zur Begründung in der Gesundheitspolitik herangezogen werden. Die Politik sollte das zur Kenntnis nehmen, wenn sie mit falschen Prognosen ihre Bürger zur Kasse bitten will.

International arbeiten Wissenschaftler daran, eine Alternative zum nutzlosen BMI zu entwickeln, um gesundheitliche Risiken prognostizieren zu können. Bei der Komplexität des Themas reichen eine Waage und die schlichte Berechnung willkürlich festgelegter Grenzwerte nicht aus. Der Betrug des BMI ist endlich aufgedeckt. Für die Vermeidung von Krankheiten ist er sogar kontraproduktiv. Nach medizinischen Studien haben zwischen 20 und 30 Prozent der Personen mit einem vermeintlich vorbildlichen BMI von unter 25 die für Adipositas typischen Stoffwechselstörungen. Auch die Kausalität ist erforscht. Es liegt am verborgenen Fett im Bauchraum, das Diabetes, Fettleber und Arteriosklerose initiiert. Der Index liefert dafür keine Hinweise.

Bewegung sollte das Thema sein

Wenn es um das liebste Kind der Deutschen, das Auto, geht, hören die Politiker sensibel auf die Meinung des ADAC. Vielleicht sollten sie es auch bei der Gesundheit des Nachwuchses tun. Der Automobilclub hat eine Studie vorgelegt, deren Erkenntnis eigentlich nicht neu ist. Während Politiker über Strafsteuern ohne gesundheitliche Relevanz nachdenken, schlagen verantwortungsvolle Institutionen von ADAC bis DLRG Alarm. Jedes zweite Kind ab 12 Jahren schafft nicht die täglich empfohlene Bewegung. Vier von zehn Kindern können nicht Radfahren. Zwanzig Prozent der Kinder leben gefährlich, weil sie nicht schwimmen können. Der Nachwuchs ist auf dem Weg in die Bewegungslosigkeit mit gesundheitlichen Problemen. Das zu ändern, ist eine Aufgabe für kreative Politik. Der fiskalische Aufschlag für Erfrischungsgetränke ist da wohl kaum der richtige Lösungsweg. Es wäre eine große Herausforderung, die Gesellschaft und besonders die nachwachsende Generation beweglicher zu machen. Triebfeder Im Kabinett ist jedoch die Gier auf Geld. Ein deutlicher Beweis ist die zumindest angedachte Ausweitung der Zuckersteuer auf Produkte, die keinen Zucker enthalten.

Mit einem solchen Gesetz degeneriert Politik zur Geldschneiderei. Es wird konsequent gelogen. Sachlich gibt es kein Argument für die Besteuerung. Und die Behauptung, das sei Gesundheitspolitik ist irreführend. Die aktuelle Medizin stellt klar fest, dass der BMI und seine Risiko-Statistiken keine Relevanz haben. Das wird mit Blick auf die Staatskasse ignoriert. Ehrlichkeit wäre im Interesse der Demokratie wichtiger als ein Gesetzesvorhaben, bei dem der Preis von Produkten ebenso steigt wie das Gesundheitsrisiko der dafür Zahlenden.