Das große Missverständnis: Warum Übergewicht keine Frage der Disziplin sondern der Individualität ist

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Übergewicht ist komplexer als gedacht. Ernährungswissenschaftler Uwe Knop entlarvt gängige Mythen und zeigt, was wirklich zählt.

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Welchem Vorteil zu Fettleibigkeit wurde gerade erneut und klar widersprochen?

Der SWR hat dem ausgewiesenen Fettleibigkeits-Experten Dr. Benedikt Hoidn, Leiter des Adipositaszentrums Mittelrhein in Koblenz die Frage gestell: „Übergewicht ist mittlerweile eine Volkskrankheit, ausgelöst durch zu viel essen und zu wenig Bewegung – ist das richtig?“ Seine Antwort ist klar und wiederlegt das Vorurteil eindeutig: „Das kann man eben so nicht sagen. Das ist eine schon fast dogmatisch, kulturelle Sichtweise, dieses Problems.In den Patientengruppen mit einem schwersten, krankhaften Übergewicht, die ich behandle, kann man nicht davon ausgehen, dass es rein das willkürliche Essen ist, was das Problem erzeugt. Da kommen sicherlich noch andere biologische Prozesse im Körper dazu, die gestört sind und dann mit dazu führen, dass das Übergewicht schlimme Ausmaße annimmt.“ Die Ursachen für Übergewicht und Fettleibigkeit sind immer individuell und enorm komplex.

Was sind die Hauptursachen für Übergewicht und Fettleibigkeit aus wissenschaftlicher Sicht?

Die Ursachen für Übergewicht und Fettleibigkeit sind enorm vielfältig und sehr komplex in einer individuellen Matrix miteinander verwoben. Unser Körpergewicht wird dabei primär durch das Zusammenspiel folgender biologischer Faktoren und Lebensstilfaktoren bestimmt:

  1. Gene/Erbgut
  2. Stoffwechselstatus
  3. Stresslevel
  4. Ernährung
  5. Bewegung
  6. Schlafqualität/-dauer
  7. Medikamente
  8. Krankheiten (Diabetes, Schilddrüse, Psyche)

Aber auch sozioökonomische Faktoren spielen eine Rolle, dazu gehören

  1. geringes Einkommen
  2. Migrationshintergrund
  3. sozialer Status und
  4. niedriger Bildungsstand

Beispielsweise sind Kinder aus diesen Schichten besonders stark von Fettleibigkeit betroffen – das ist auch längst bekannt und mehrfach bestätigt.

Inwiefern beeinflusst unser Erbgut unser Körpergewicht?

Die Gene spielen die „erste Geige im Konzert des Körpergewichts“ – unser Erbgut hat den größten Einfluss auf die Kilos. Schätzungen gehen davon aus, dass unser gesundes Gewicht zu 70 bis 90 Prozent von unseren Gene bestimmt wird. Dies wurde kürzlich von einer großen, gut gemachten Studie aus Israel bestätigt.

Was hat die Studie aus Israel dazu gezeigt?

Die israelischen Wissenschaftler konnten zeigen, dass Kinder von übergewichtigen und fettleibigen Eltern deutlich häufiger selbst übergewichtig oder adipös sind. So hatten fast 80 Prozent der Kinder mit zwei fettleibigen Elternteilen ebenfalls ein Gewicht im Bereich Übergewicht oder Fettleibigkeit. Bei Kindern von Eltern mit Normalgewicht lag diese Wahrscheinlichkeit nur bei 15 Prozent.

Die Forscher, deren Studie im renommierten Medizinjournal JAMA publiziert wurde, untersuchten dazu fast eine halbe Million Rekruten und ihre Eltern jeweils im Alter von 17 Jahren – und verglichen deren jeweiliges Risiko von Übergewicht oder Fettleibigkeit. Dabei wurde eine starke Korrelation, also ein statistischer Zusammenhang, zwischen dem BMI der Eltern im Alter von 17 Jahren und dem BMI ihrer Kinder im selben Alter festgestellt.

Wie sollte man am besten essen, um sein natürliches Wohlfühlgewicht zu erreichen und zu halten?

Das zentrale Element dabei ist die Intuitive Ernährung. Das bedeutet: Zurück zur natürlichen Biologie, zurück zu den eigenen Wurzeln. Wir müssen wieder lernen, auf die Signale unseres Körpers zu hören, statt auf Apps oder Gurus.

Ergänzt wird dies durch die Ethuition – eine Wortschöpfung aus Ethik und Intuition. Sie wählen instinktiv, was Ihr Körper braucht, und kombinieren dies mit Ihren persönlichen Werten (wie Bio, Regionalität oder Tierwohl). Das Ergebnis? Ein Essen, das nicht nur den Magen, sondern auch das Gewissen und die Seele sättigt. Mit dieser Essform findet man auch seinen persönlichen „Schlüssel zum biologischen Wohlfühlgewicht“. Wer hingegen wirklich dauerhhaft abnehmen möchte, der sollte sich unbedingt auch diese „10 Tipps zum Wunschgewicht“ anschauen.

 

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Dieser Beitrag erschien im Original zuerst auf FOCUS online-Experte

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Uwe Knop (*72) ist evidenzfokussierter Ernährungswissenschaftler (Dipl.oec.troph./JLU Gießen), Publizist, Referent und Buchautor (aktuell „ENDLICH RICHTIG ESSEN (Aug, 2024)). Seit mehr als 14 Jahren bildet die objektiv-faktenbasierte Analyse tausender aktueller Ernährungsstudien den Kern seiner unabhängigen Aufklärungsarbeit. Knop hat den mündigen Essbürger mit eigener Meinung zum Ziel, der umfassend informiert selbst und bewusst entscheidet, worauf er bei der wichtigsten Hauptsache der Welt – genussvolles Essen zur Lebenserhaltung – vertraut.

Kontakt: Uwe Knop auf LI