Fasten bei Diabetes: Zwischen religiöser Pflicht und Lifestyle-Trend

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Wann Fasten mit Diabetes sinnvoll sein kann – und wann es gefährlich wird.

Mit dem bevorstehenden Ramadan und der Fastenzeit beschäftigen sich  viele Menschen erneut mit dem bewussten Verzicht auf Nahrung. Gleichzeitig  erfreut sich Intervallfasten als Lifestyle-Trend wachsender Beliebtheit. Für die  über 9 Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland ist Fasten jedoch keine  reine Glaubens- oder Gesundheitsfrage, sondern stark mit ihrer  Diabetestherapie gekoppelt. Der Verband der Diabetes-Beratungs- und  Schulungsberufe in Deutschland e. V. (VDBD) ordnet die aktuelle Studienlage  ein und zeigt, für wen Fasten infrage kommt, welche Regeln gelten und wann  dringend davon abzuraten ist. Entscheidend sind Diabetestyp, Therapieform und  Anlass des Fastens.

Religiöses Fasten – etwa im Ramadan – bedeutet meist einen vollständigen Verzicht auf  Essen und Trinken über viele Stunden hinweg, verbunden mit nächtlichen Mahlzeiten,  verändertem Schlaf und eingeschränkter Flüssigkeitszufuhr. Lifestyle-Fasten wie das  Intervallfasten erlaubt dagegen regelmäßiges Trinken und flexible Essensfenster. Diese  Unterschiede wirken sich direkt auf den Blutzucker, den Flüssigkeitshaushalt und den  Insulinbedarf aus. „Fasten ist also nicht gleich Fasten. Für Menschen mit Diabetes macht  das einen entscheidenden Unterschied“, sagt Theresia Schoppe, Vorstandsmitglied des  VDBD, Diabetesberaterin und Oecotrophologin B.Sc. aus Warstein. 

Typ-2-Diabetes: strukturierte Fastenformen können helfen 

Für Menschen mit Typ-2-Diabetes zeigen Studien klare Vorteile, wenn Fasten geplant und  begleitet erfolgt. Klinische Untersuchungen wie die INTERFAST-2-Studie belegen, dass  intermittierendes Fasten über zwölf Wochen den Langzeitblutzucker HbA1c um etwa 0,5  bis 1 Prozentpunkte senken kann. Gleichzeitig verloren die Teilnehmenden im Schnitt 4  bis 5 Kilogramm Gewicht, und der tägliche Insulinbedarf sank um rund 9 Einheiten, ohne  dass schwere Unterzuckerungen auftraten. 

Geeignet sind vor allem strukturierte Formen wie das 16:8-Modell oder das 5:2-Fasten.  Wichtig ist ein vorsichtiger Einstieg: Zu Beginn sollten Insulin oder blutzuckersenkende  Medikamente häufig um 20 bis 30 Prozent reduziert werden. Der Blutzucker sollte  mindestens viermal täglich kontrolliert werden, idealerweise mit kontinuierlicher  Glukosemessung (CGM). Auch die Ernährung im Essensfenster spielt eine Rolle. Eiweiß und ballaststoffreiche Mahlzeiten mit moderatem Kohlenhydratanteil entlasten den  Stoffwechsel und helfen, starke Blutzuckerschwankungen zu vermeiden. „Fasten kann  den Stoffwechsel entlasten, aber nur, wenn die Therapie angepasst wird“, betont  Schoppe. Ohne Beratung steige das Risiko für Unterzuckerungen deutlich. 

Typ-1-Diabetes: Fasten ist eine Hochrisiko-Situation 

Anders ist die Lage bei Typ-1-Diabetes (absoluter Insulinmangel) oder insulinpflichtigem  Typ-2-Diabetes mit verringerter Insulinsekretion. Schon kurze Fastenphasen können zu  gefährlichen Unterzuckerungen oder zu einer diabetischen Ketoazidose führen. Studien  und Erfahrungen aus dem Ramadan zeigen, dass sich das Risiko für schwere  Stoffwechselentgleisungen dabei um ein Mehrfaches erhöht. Empfohlen werden dann 

höchstens milde Formen mit kurzen Essenspausen, eine Reduktion des Basalinsulins um  bis zu 50 Prozent, sehr häufige Blutzuckerkontrollen – alle zwei bis drei Stunden – beziehungsweise die kontinuierliche Messung mit CGM sowie zusätzliche Keton Messungen. Zusätzlich sollten Fastende dringend auf Symptome für erhöhte Ketonwerte,  wie Übelkeit, Benommenheit oder Müdigkeit, achten. 

Ramadan-Fasten: besondere Regeln für Menschen mit Diabetes 

Beim Ramadan-Fasten gelten zusätzliche Anforderungen. Menschen mit Typ-2-Diabetes  können fasten, wenn der Stoffwechsel stabil eingestellt ist, etwa bei einem HbA1c unter 8  Prozent. Die Medikation muss vorab angepasst werden, die Blutzuckerwerte sollten  mehrfach täglich gemessen werden – vor dem Fastenbrechen, danach, nachts und vor  der Mahlzeit vor Sonnenaufgang. Die abendliche Mahlzeit sollte den Blutzucker nicht  unnötig belasten, und ausreichendes Trinken in der Nacht ist essenziell. 

Bei Menschen mit Diabetes Typ 1 und instabilen Werten, Hypo-Neigung oder Diabetes Komplikationen wie Nierenschäden rät der VDBD klar davon ab, zu fasten. „Allen anderen möchten wir nicht pauschal abraten, doch es braucht in jedem Fall eine spezialisierte  Betreuung, klare Abbruchregeln und die Bereitschaft, das Fasten bei Auffälligkeiten sofort  zu beenden“, so Schoppe. „Denn im Zweifel gilt immer: Sicherheit geht vor Fasten.“ So  sollte bei einem Blutzuckerspiegel von unter 70 mg/dl oder über 250 mg/dl und  nachgewiesenen Ketonen dringend ärztliche Hilfe eingefordert werden. 

Für die passende Ernährung während der Fastenzeit empfiehlt die Diabetesberaterin für  den Suhoor (Mahlzeit vor Sonnenaufgang) Lebensmittel mit einem hohen  Ballaststoffgehalt zu wählen, die das Hungergefühl hinauszögern. Dazu gehören  Vollkornprodukte bei Brot und Reis, Grieß, Haferflocken und Joghurt, Linsen und andere  Hülsenfrüchte, gekochte Eier und viel Flüssigkeit, Das abendliche Fastenbrechen, der  Iftār, sollte viel Gemüse oder Salat beinhalten, um den Stoffwechsel nicht übermäßig zu  belasten. 

Warum Diabetesberatung beim Fasten unverzichtbar ist 

Fasten beeinflusst Blutzucker, Insulinwirkung und Flüssigkeitshaushalt zugleich.  Diabetesberaterinnen und Diabetesberater unterstützen dabei, Risiken realistisch  einzuschätzen, Messstrategien festzulegen und Notfallsituationen zu erkennen. „Fasten  darf nie auf eigene Faust begonnen werden – weder aus religiöser Überzeugung noch aus  gesundheitlichem Ehrgeiz“, betont Schoppe. 

Diabetes-Checkliste zur Fastenzeit

Vorab klären 

Risiken bei eigenem Diabetestyp kennen 

Mit meinem Diabetesteam sprechen 

Insulin oder Medikamente (z.B. SGLT-2-Hemmer) anpassen/reduzieren, um eine  euglykämische Ketoazidose zu vermeiden 

Unterzuckerungen und Ketoazidose erkennen und behandeln können

Während des Fastens

Blutzucker und Ketone häufiger messen 

Ausreichend trinken 

Warnzeichen ernst nehmen 

Fasten sofort beenden bei 

Unterzuckerung 

stark erhöhtem Blutzucker 

Schwindel, Übelkeit, Zittern 

Unsicherheit oder schlechtem Gefühl 

Quellen: 

  • INTERFAST-2-Studie 
  • Cochrane Review: Interventions for fasting in people with diabetes diabinfo.de: Fasten bei insulinpflichtigem Diabetes 
  • International Diabetes Federation (IDF), Diabetes and Ramadan: Practical Guidelines 2017 
  • Diabetes & Ramadan International Alliance (DaR), Ramadan Nutrition Plan (RNP) 

vdbd.de