Vegane Ernährung in der Schwangerschaft

Vegane Ernährung in der Schwangerschaft ist nicht unumstritten. Auch entgegen dem Rat von Ärzten und Experten halten viele schwangere und stillende Frauen an ihrer rein pflanzlichen Ernährung fest. Dann gilt es, die Nährstoffversorgung genau zu überwachen – denn Mangelzustände in der frühen Entwicklungsphase des Kindes können nicht umkehrbare Schäden zur Folge haben. Entscheidend ist unter anderem die ausreichende Zufuhr von Vitamin B12 und Omega-3-Fettsäuren.

Die Gründe, warum Menschen einem bestimmten Ernährungsstil folgen, sind vielfältig. Bei einigen aktuellen Ernährungstrends, wie beispielsweise der glutenfreien Diät, steht der Gesundheitsaspekt an erster Stelle. (1) Nicht so bei Anhängern der veganen Ernährung: Sie entscheiden sich häufig aus ethisch-moralischen Gründen für eine rein pflanzenbasierte Ernährung. (2) Für überzeugte Veganerinnen stellt daher auch die Schwangerschaft keinen Grund dar, vorübergehend wieder tierische Produkte zu sich zu nehmen. Dabei ist längst klar: allein durch pflanzliche Nahrungsmittel kann die ausreichende Nährstoffversorgung des Kindes kaum gewährleistet werden.

Wichtige Bausteine für Gehirn und Nervensystem fehlen

Einige Nährstoffe, wie die Mineralstoffe Eisen, Zink und Calcium, sind bei veganer Ernährung nur in geringen Mengen enthalten – andere kommen fast überhaupt nicht vor. Dazu zählen das Vitamin B12 und die mehrfach ungesättigte Fettsäure Docosahexaensäure (DHA). Beide sind mit wenigen Ausnahmen, wie beispielsweise DHA in speziellen Algen oder Vitamin B12 in Spuren in fermentierten Erzeugnissen, ausschließlich in tierischen Lebensmitteln enthalten. Für die Entwicklung des Kindes sind sie aber unentbehrlich: sowohl Vitamin B12 als auch DHA sind entscheidend am Aufbau von Gehirn und Nervensystem beteiligt.

Unterversorgung der Mutter beeinträchtigt geistige Entwicklung des Kindes

Ein Mangel des Vitamins B12 kann vielfältige Folgen für Mutter und Kind haben. Neben einem erhöhten Risiko für Fehlgeburten, Schwangerschaftsvergiftung und geringem Geburtsgewicht ist auch die geistige Gesundheit des Kindes gefährdet. So zeigte sich bei Kindern von Frauen, die täglich weniger als zwei Mikrogramm des Vitamins aufnahmen und damit die Empfehlung um etwa die Hälfte unterschritten, eine deutliche Einschränkung in der kognitiven Entwicklung. (3) Über die Mechanismen, die dahinterstecken, ist noch wenig bekannt. Vermutlich verursacht der Vitaminmangel Schäden im Erbgut und bei der Ausbildung der Nervenbahnen.

Fallberichte über Säuglinge veganer Mütter, die während der Schwangerschaft und Stillzeit unwissentlich an einem Vitamin-B12-Mangel litten, veranschaulichen das Problem: Defizite beim Kind können auftreten, obwohl bei der Mutter keine Anzeichen für einen Mangel sichtbar sind.

So berichteten italienische Ärzte von einem fünf Monate alten Kind, das deutlich unterentwickelt, benommen und schläfrig in eine Klinik eingeliefert wurde. Der Säugling wies einen starken Vitamin-B12-Mangel auf. Die dadurch verursachten psychischen und physischen Beeinträchtigungen waren auch nach sieben Monaten hoch dosierter Supplementation noch deutlich sichtbar – denn die entstandenen Schäden sind nicht umkehrbar. (4) Daher ist eine Überwachung des Vitamin-B12-Status in der Schwangerschaft bei Veganerinnen besonders wichtig.

Omega-3-Fettsäure für Augen und Gehirn wesentlich

Auch die mehrfach ungesättigte Fettsäure Docosahexaensäure (DHA) hat einen entscheidenden Einfluss auf die mentale Entwicklung des Kindes im Mutterleib und in den ersten Lebensjahren. (5) Sowohl die Ausbildung der Sehkraft als auch die Informationsverarbeitung im Gehirn hängen von der Versorgung mit der Omega-3-Fettsäure ab.

Da die vegane Ernährung wenig bis gar kein DHA enthält und dadurch auch die Konzentration in der Muttermilch veganer Frauen sehr niedrig ist – der DHA-Anteil ist im Durchschnitt nur halb so hoch wie bei Mischköstlern – ist die ausreichende Versorgung des Kindes gefährdet. (6) Insbesondere für Veganerinnen gilt daher: nur durch die Supplementierung von DHA während Schwangerschaft und Stillzeit kann das Risiko für eine kognitive Beeinträchtigung des Kindes gesenkt werden.

Dabei zeigte sich bereits bei der Einnahme von relativ niedrig dosierten Supplementen auf Algenbasis eine deutliche Verbesserung des DHA-Status. (7) Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, täglich 200 Milligramm DHA zu supplementieren.

Quellen

[1] Marcason W; Is there evidence to support the claim that a gluten-free diet should be used for weight loss? J Am Diet Assoc. 2011 Nov; 111(11):1786.

[2] Dr. Epp A; Vegan – Risiken durch einen neuen Ernährungsstil? Online: www.bfr.bund.de; entnommen am 16.12.2016.

[3] Finkelstein JL, Layden AJ, Stover PJ; Vitamin B-12 and Perinatal Health; Adv Nutr 2015; 6:552-63.

[4] Guez S, Chiarelli G, Menni F et al.; Severe vitamin B12 deficiency in an exclusively breastfed 5-month-old Italian infant born to a mother receiving multivitamin supplementation during pregnancy; BMC Pediatrics 2012 12:85.

[5] Koletzko B, Lien E, Agostoni C et al.; The roles of long-chain polyunsaturated fatty acids in pregnancy, lactation and infancy: review of current knowledge and consensus recommendations; J Perinat Med. 2008; 36(1):5-14.

[6] Sanders TA, Reddy S; The influence of a vegetarian diet on the fatty acid composition of human milk and the essential fatty acid status of the infant; J Pediatr. 1992 Apr; 120(4 Pt 2):S71-7.

[7] Sarter B, Kelsey KS, Schwartz TA et al.; Blood docosahexaenoic acid and eicosapentaenoic acid in vegans: Associations with age and gender and effects of an algal-derived omega-3 fatty acid supplement; Clin Nutr. 2015 Apr; 34(2):212-8.

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