Von nachhaltiger Landwirtschaft bis zum Umgang mit KI

G7-Wissenschaftsakademien legen Stellungnahmen zu sechs aktuellen Herausforderungen für G7-Gipfel in Italien vor.

Internationale Spannungen setzen Gesellschaften zunehmend unter Druck und verstärken die durch die Pandemie und den Klimawandel verursachten Krisen. Um auf künftige Pandemien vorbereitet zu sein, eine nachhaltige Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung zu gewährleisten oder das Kulturerbe der Menschheit zu bewahren, ist eine multilaterale Zusammenarbeit umso wichtiger. Die Wissenschaftsakademien der G7-Staaten haben sechs Stellungnahmen veröffentlicht, die Handlungsempfehlungen zu drängenden globalen Herausforderungen aufzeigen. Die Akademien rufen die Regierungen der G7-Staaten dazu auf, sich beim diesjährigen G7-Gipfel in Apulien/Italien im Juni mit Themen der Landwirtschaft, der künstlichen Intelligenz, des kulturellen Erbes, der Gesundheit, der nuklearen Rüstungskontrolle und der sozialen Ungleichheit zu befassen. Die Stellungnahmen wurden unter Federführung der italienischen Accademia Nazionale dei Lincei und unter Beteiligung der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina erarbeitet.

„Internationale Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen verstärken Armut und Hunger in der Welt, erhöhen die Gefahr neuer Pandemien und den unwiederbringlichen Verlust unseres kulturellen Erbes. Die Wissenschaftsakademien der G7-Staaten zeigen in ihren sechs Stellungnahmen auf, wie durch Grundlagenforschung, Wissenstransfer und internationale Zusammenarbeit diesen Herausforderungen begegnet werden kann“, sagt Prof. (ETHZ) Dr. Gerald Haug, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. „Die Zusammenarbeit zwischen Staaten, zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen, aber auch mit lokalen Akteuren sind ein Schlüssel, um Lösungen für eine nachhaltige Landwirtschaft, den Kampf gegen extreme Armut, die Vorbereitung auf neue Pandemien, beim Schutz des Kulturerbes und für den Umgang mit KI zu finden.“

Landwirtschaft

Die Landwirtschaft steht durch die wachsende Weltbevölkerung, die Auswirkungen des Klimawandels und den Verlust der Biodiversität unter Druck: Die Nahrungsmittelproduktion muss global gesteigert werden, ohne gleichzeitig weiter zu Klima- und Umweltwandel beizutragen. Hierzu sind auch nachhaltige Ernährungsweisen und Konsummuster notwendig. Die Wissenschaftsakademien der G7-Staaten sprechen sich dafür aus, Forschung und Innovationen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels sowie die Möglichkeit zur Aus- und Weiterbildung weltweit zur Verfügung zu stellen. Dafür sollen geeignete Studiengänge geschaffen und für Forschung und Innovation auch lokales Wissen einbezogen werden. Die S7-Akademien empfehlen den G7-Staaten Investitionen, um die mikrobielle Biodiversität des Bodens zu sichern und zu überwachen, Wasser effektiver aufzufangen, zu nutzen und zu recyclen sowie Saatgut für an Trockenheit angepasste und widerstandsfähige Nutzpflanzen zu entwickeln und weltweit verfügbar zu halten. Der internationale Agrarhandel sollte zudem so strukturiert sein, dass nachhaltig erzeugte Lebensmittel bevorzugt werden.

Künstliche Intelligenz

Die Fortschritte in der Entwicklung künstlicher Intelligenz bieten Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zahlreiche Möglichkeiten, aber auch Risiken, die überwacht und kontrolliert werden sollten. Die Wissenschaftsakademien der G7-Staaten empfehlen klare Rahmenbedingungen für Datenschutz und Urheberrecht. Nutzerinnen und Nutzer von KI-Systemen sollten transparent über die Nutzung ihrer Daten, die Funktionsweisen und Grenzen der künstlichen Intelligenz informiert werden. Die Nachvollziehbarkeit der Daten, auf denen KI-Modelle basieren, ist von entscheidender Bedeutung. Durch Bildung und öffentlichen Austausch kann die Gesellschaft über Chancen, Risiken und die Bewertung von KI-Systemen aufgeklärt werden. Die S7-Akademien betonen die Bedeutung von ethischen Grundsätzen in der Entwicklung und Überwachung von KI-Systemen und empfehlen eine intensive Zusammenarbeit von Informations-, Geistes- und Sozialwissenschaften, um sie transparent, fair und möglichst ohne Bias zu gestalten. Die G7-Staaten sollten zudem die Entwicklung von KI-Systemen, die dem Gemeinwohl dienen, besonders fördern, so die Fachleute.

Kulturelles Erbe

Das kulturelle Erbe ist die Grundlage der Identität der Menschheit. Seine Bewahrung und dessen Verständnis tragen dazu bei, Herausforderungen in der Gegenwart und Zukunft zu verstehen und zu bewältigen, so die S7-Akademien. Sie empfehlen, die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften zu verstärken, um kulturelles Erbe zu erforschen, und dabei auch das Wissen lokaler Akteure miteinzubeziehen. Die wissenschaftliche Praxis kann dabei helfen, Widersprüche auszuhalten, altes Wissen neu zu denken und so das kulturelle Erbe vor ideologischem Missbrauch zu schützen. Die Stellungnahme betont die wichtige Rolle der Vermittlung und Kommunikation. Es muss eine kritische Öffentlichkeit geschaffen werden, die sich mit dem eigenen kulturellen Erbe auseinandersetzt und dabei das kulturelle Erbe anderer im gleichen Maße anerkennt. Museen, Schulen, aber auch digitale Plattformen, interaktive und multimediale Angebote sollten dafür gestärkt werden. Die S7-Akademien empfehlen zudem ein klares Vorgehen gegen illegalen Handel mit Kulturgegenständen und gegen die Zerstörung von Kulturstätten und -objekten in bewaffneten Konflikten. Die mutwillige Zerstörung von Kulturerbe ist eine Verletzung der Menschenrechte.

Gesundheit

Die Coronavirus-Pandemie offenbarte Schwachstellen in der Resilienz von Gesundheitssystem sowie in der internationalen Zusammenarbeit. Um zukünftigen Pandemien besser zu begegnen, empfehlen die S7-Akademien Strukturen, um neue potenzielle Krankheitserreger zu erkennen, Daten auszutauschen und Biomonitoring (zum Beispiel beim Abwasser) zu etablieren. Neue Technologien zur schnellen Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten sollten vorrangig erforscht werden. Um antimikrobielle Resistenzen zu vermeiden, sprechen sich die S7-Akademien gegen den übermäßigen Einsatz von Antibiotika aus. Die Entwicklung neuer Antibiotika sollte gefördert werden, ebenso die Entwicklung von Alternativen zur Antibiotikabehandlung (bspw. durch monoklonale Antikörper oder Behandlungen auf Basis der CRISPR-Cas-Technologie). Der Gesundheitsbegriff sollte zudem breit aufgefasst werden, so die Fachleute, und auch soziale Determinanten von Gesundheit berücksichtigt sowie der universelle Zugang zur Gesundheitsversorgung verwirklicht werden. Frauen und Kinder müssen stärker in die medizinische Forschung miteingebunden werden. Die Stellungnahme betont auch, dass die Gesundheit des Menschen mit Klima- und Umweltveränderungen eng zusammenhängt.

Nukleare Rüstungskontrolle

Nachdem die Zahl der nuklearen Sprengköpfe über einen längeren Zeitraum hinweg rückläufig war, besteht nun die Gefahr, dass sich dieser Trend umkehrt. Vor dem Hintergrund internationaler Spannungen und gestützt auf eine Vielzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die sich bereits mit den Folgen eines Atomkrieges auseinandergesetzt haben, äußern sich die Wissenschaftsakademien der G7-Staaten zu den gravierenden Auswirkungen des Einsatzes von Nuklearwaffen für die Menschheit und den Planeten. Sie betonen die Bedeutung internationaler Vereinbarungen zur Verringerung und Kontrolle von Nuklearwaffen und rufen die Staats- und Regierungschefinnen und -chefs der G7-Staaten angesichts der zunehmenden internationalen Spannungen und Kriege dazu auf, ihr Engagement gegen den Einsatz von Atomwaffen erneut zu bekräftigen und die notwendigen Schritte zu unternehmen, dieses Ziel sicher zu erreichen.

Soziale Ungleichheit

Die weltweite Armutsquote ist in den vergangenen 30 Jahren stark zurückgegangen. Doch aufgrund der Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie kam es wieder zu einem Anstieg der extremen Armut. Armut ist ein multidimensionales Phänomen. Neben der Einkommensarmut spielen auch andere Faktoren eine Rolle, beispielsweise die Auswirkungen schlechter Gesundheit oder Unterernährung, der Mangel an sauberem Wasser, Strom oder Schulbildung oder schlechte Arbeitsbedingungen. Die Wissenschaftsakademien der G7-Staaten empfehlen einen Strategiewechsel in der Armutsbekämpfung, die diese Mehrdimensionalität in den Blick nimmt. Dabei ist die Schaffung einer zuverlässigen Infrastruktur (z. B. für Wasser, Nahrung, Energie und Gesundheitsversorgung) ebenso wie der Zugang zu Bildung entscheidend. Ein besonderes Augenmerk sollte Frauen und anderen benachteiligten Gruppen gelten. Dazu gehört auch die Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt und die Schaffung von Teilhabe für diskriminierte Gruppen. Die S7-Akademien sprechen sich besonders für die Unterstützung der Länder in Subsahara-Afrika aus, da dies in Bezug auf viele Risikofaktoren und Dimensionen der Ungleichheit insgesamt die am stärksten gefährdete Region der Welt ist und zusätzlich besonders von den Folgen des Klimawandels betroffen ist.

Die gemeinsamen Stellungnahmen der G7-Wissenschaftsakademien sind in englischer Sprache erschienen und stehen auch in einer deutschsprachigen Arbeitsübersetzung unter folgendem Link bereit: www.leopoldina.org/g7-stellungnahmen

Die Wissenschaftsakademien begleiten die jährlichen Gipfeltreffen der G7-Staaten. Sie befassen sich im Vorfeld eines Gipfels mit wissenschaftsbezogenen Fragen, die im Zusammenhang mit der Agenda stehen und multilateral angegangen werden müssen. Das Gipfeltreffen der G7-Staaten ist für den 17. bis 19. Juni 2024 in Italien geplant. Informationen zum G7-Prozess und zur Beratung durch die Wissenschaftsakademien sowie die aktuellen Stellungnahmen finden sich unter: https://www.leopoldina.org/international/g7-und-g20-politikberatung/

Die Leopoldina auf X: www.twitter.com/leopoldina

Über die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina

Als Nationale Akademie der Wissenschaften leistet die Leopoldina unabhängige wissenschaftsbasierte Politikberatung zu gesellschaftlich relevanten Fragen. Dazu erarbeitet die Akademie interdisziplinäre Stellungnahmen auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. In diesen Veröffentlichungen werden Handlungsoptionen aufgezeigt, zu entscheiden ist Aufgabe der demokratisch legitimierten Politik. Die Expertinnen und Experten, die Stellungnahmen verfassen, arbeiten ehrenamtlich und ergebnisoffen. Die Leopoldina vertritt die deutsche Wissenschaft in internationalen Gremien, unter anderem bei der wissenschaftsbasierten Beratung der jährlichen G7- und G20-Gipfel. Sie hat rund 1.700 Mitglieder aus mehr als 30 Ländern und vereinigen Expertise aus nahezu allen Forschungsbereichen. Die Leopoldina wurde 1652 gegründet und 2008 zur Nationalen Akademie der Wissenschaften Deutschlands ernannt. Sie ist als unabhängige Wissenschaftsakademie dem Gemeinwohl verpflichtet.

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Quelle: Leopoldina